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Zwei Verletzte im Chemieschacht

40 Feuerwehrleute probten am Satzveyer Schwimmbad gefährlichen Chlorgasunfall – Alarmübung des Mechernicher ABC-Zuges zeigte, wie wichtig schnelle Menschenrettung, Spezialausrüstung und das Zusammenspiel verschiedener Löschgruppen sind

In gasdichten Chemikalienschutzanzügen rückten Spezialkräfte des Mechernicher ABC-Zuges zum angenommenen Gefahrstoffunfall am Satzveyer Schwimmbad vor. Ihre Atemschutzgeräte tragen die Feuerwehrleute unter den grünen Schutzanzügen. Foto: Marco Kaudel/Feuerwehr/pp/Agentur ProfiPress

Fünf Meter tief war der Schacht, in dem sich laut Übungsszenario zwei verletzte Mitarbeiter einer Lieferfirma befanden. Umgestürzte Chemikalienbehälter sorgten für zusätzliche Gefahr. Foto: Marco Kaudel/Feuerwehr/pp/Agentur ProfiPress

Ein Großaufgebot vor dem Schwimmbad in Satzvey: Rund 40 Einsatzkräfte waren mit neun Fahrzeugen angerückt, um Menschenrettung, Gefahrstoffbekämpfung und Dekontamination unter möglichst realistischen Bedingungen zu üben. Foto: Marco Kaudel/Feuerwehr/pp/Agentur ProfiPress

Abstimmung unter den Führungskräften (v.l. Jörg Ernst, Ralf Eichen, Max Jenniches, Gerd Geller, Patrick Nosbers): Bei einem Gefahrstoffeinsatz müssen Menschenrettung, Absperrmaßnahmen, Spezialtrupps und Dekontamination sorgfältig koordiniert werden. Foto: Marco Kaudel/Feuerwehr/pp/Agentur ProfiPress

Schaltzentrale am Rand des Gefahrenbereichs: Im Einsatzleitwagen liefen die Meldungen zusammen. Von hier aus wurden unter anderem Funkverkehr, Lageinformationen und Dokumentation koordiniert. Foto: Marco Kaudel/Feuerwehr/pp/Agentur ProfiPress

Mechernich-Satzvey – Fünf Meter geht es in die Tiefe. Eine Leiter führt hinunter in den engen Betonschacht, auf dessen Boden reglos zwei Männer liegen. Neben ihnen umgestürzte Chemikalienbehälter. Chlorbleichlauge und Schwefelsäure sind ausgetreten – zwei Stoffe, die zur Wasseraufbereitung in Schwimmbädern verwendet werden, bei einer Vermischung aber hochgefährliches Chlorgas freisetzen können.

Ein Albtraum für jeden Einsatzleiter: Zwei Menschen müssen gerettet werden, gleichzeitig droht den Helfern selbst Gefahr durch giftige Gase. Und jede Minute zählt. Glücklicherweise war das Geschehen am vergangenen Mittwochabend am Schwimmbad Satzvey nur eine Alarmübung. Allerdings eine, die den rund 40 beteiligten Feuerwehrleuten einiges abverlangte.

Anders als bei einem gewöhnlichen Übungsabend wussten die Feuerwehrleute nicht im Voraus, was sie an der Einsatzstelle erwarten würde. Sie wurden über ihre Meldeempfänger alarmiert, mussten ihre jeweilige Beschäftigung unterbrechen, zum Gerätehaus eilen und ausrücken – ganz wie bei einem tatsächlichen Notfall.

Die Übungsleitung hatte sich ein anspruchsvolles Szenario ausgedacht: Zwei Mitarbeiter einer Lieferfirma wollten gemeinsam mit dem Hausmeister Chemikalien in den Technikbereich des Schwimmbades transportieren. Dabei stürzten die beiden Männer mit einem 80-Liter-Behälter in den Schacht. Einer konnte sich nicht mehr selbst befreien.

Als Erste traf die Löschgruppe Wachendorf mit sechs Einsatzkräften ein. Dass nicht die örtliche Löschgruppe Satzvey zuerst alarmiert worden war, hatte seinen Grund: Die Übungsleitung wollte ausdrücklich testen, wie eine Einheit reagiert, die nicht zum spezialisierten ABC-Zug gehört.

Denn gefährliche Stoffe können bei nahezu jedem Einsatz unerwartet eine Rolle spielen. Deshalb muss jeder Feuerwehr-Einheitsführer eine solche Lage erkennen und richtige erste Maßnahmen einleiten.

Retten oder Spezialkräfte abwarten?

Der Wachendorfer Einheitsführer Max Jenniches ließ sich von Hausmeister Stefan Münch schildern, welche Chemikalien in den Schacht gelangt waren. Rasch stand fest: Hier handelte es sich um eine sogenannte ABC-Lage – einen Einsatz mit atomaren, biologischen oder chemischen Gefahren.

Die Feuerwehr sperrte den Bereich im Umkreis von 50 Metern ab und forderte Spezialkräfte an. Gleichzeitig stellte sich die schwierigste Frage: Sollten die Retter auf den ABC-Zug mit seiner besonderen Schutzausrüstung warten oder sofort versuchen, die Verletzten mit den vorhandenen Mitteln zu bergen?

Der Einheitsführer entschied sich für die Menschenrettung. Ein Trupp rückte unter Atemschutz in den Gefahrenbereich vor. Eine Entscheidung, die bei der anschließenden Nachbesprechung ausdrücklich bestätigt wurde. Denn die Rettung von Menschenleben hat auch bei Gefahrstoffeinsätzen höchste Priorität – allerdings nur, soweit sie unter vertretbaren Bedingungen für die Helfer möglich ist.

Schnell zeigte sich, wie anspruchsvoll die Aufgabe war. Durch den engen Schacht konnten die Verletzten nicht einfach nach oben gezogen werden. Der Rettungsweg führte stattdessen durch den Technikbereich und das Schwimmbad ins Freie. Dafür reichten sechs Einsatzkräfte allein nicht aus. Zudem war der Atemluftvorrat begrenzt, sodass weitere Trupps nachrücken mussten.

Spezialisten für gefährliche Stoffe

Nun war der ABC-Zug gefragt. Die Stadt Mechernich stellt gemeinsam mit Kräften aus Zülpich die Abwehrkomponente des ABC-Verbandes im Kreis Euskirchen. Rund 80 ehrenamtliche Feuerwehrleute gehören nach Angaben der Feuerwehr zu dieser Spezialeinheit, deren Personal und Fahrzeuge vor allem aus Kommern, Obergartzem und Satzvey stammen. Sie werden gebraucht, wenn gefährliche Stoffe austreten, Lecks abgedichtet, Flüssigkeiten aufgefangen oder unbekannte Substanzen mithilfe von Messgeräten und Fachinformationen bestimmt werden müssen.

Solche Einsätze können beispielsweise nach Unfällen mit Gefahrguttransportern auf der Autobahn 1, bei Zwischenfällen auf der Bahnstrecke, in Gewerbebetrieben oder beim Umgang mit Chemikalien erforderlich werden. In Satzvey rückten die Spezialisten mit ihrer aufwendigen Ausrüstung an. Zwei Trupps legten gasdichte Chemikalienschutzanzüge an. Darunter tragen die Feuerwehrleute ihre Atemschutzgeräte.

Wer schon einmal eine solche Ausrüstung gesehen hat, kann sich vorstellen, wie anstrengend die Arbeit darin ist. Unter Belastung bleiben oft nur 15 Minuten Einsatzzeit, manchmal sogar weniger. Entsprechend sorgfältig müssen Vorbereitung, Atemschutzüberwachung und Ablösung organisiert werden.

Chlorgas tatsächlich vorhanden

Eine Besonderheit der Satzveyer Übung: Nicht alles war nur gespielt. Die Übungsleitung hatte in kontrolliertem Umfang tatsächlich Chlorgas erzeugt, damit die Spezialkräfte unter realistischen Bedingungen messen konnten. Die Trupps richteten den beschädigten Behälter auf und überprüften anschließend mit Prüfröhrchen die Luft. Das Messgerät zeigte eine Chlorkonzentration von 0,5 ppm, also 0,5 Teilen Chlor auf eine Million Teile Luft.

Auch eine weitere Eigenschaft des Gases ließ sich beobachten: Chlorgas ist deutlich schwerer als Luft und kann sich deshalb in tiefer gelegenen Bereichen sammeln. Im Keller war der typische Geruch stärker wahrnehmbar als oben am Schacht.

Währenddessen richtete die Löschgruppe Satzvey eine Notdekontaminationsstelle ein. Dort werden Einsatzkräfte nach dem Verlassen des Gefahrenbereichs gereinigt, damit sie möglicherweise anhaftende Schadstoffe nicht weitertragen. Das dabei anfallende Waschwasser wurde aufgefangen, um es später fachgerecht entsorgen zu können.

Auch die Koordinierungsstelle der Stadtfeuerwehr war mit vier Kräften eingebunden. Sie übernahm unter anderem die Recherche zu den Gefahrstoffen sowie die erforderlichen Meldungen und unterstützte damit die Einsatzleitung.

Neun Fahrzeuge, 40 Feuerwehrleute

Insgesamt waren rund 40 Einsatzkräfte aus Kommern, Obergartzem, Satzvey und Wachendorf mit neun Fahrzeugen beteiligt. Bewusst hatte die Übungsleitung den Übergang vom Arbeitstag in den Feierabend gewählt. Eine Zeit, in der die einen noch am Arbeitsplatz sind, andere gerade nach Hause kommen und wieder andere bereits privaten Verpflichtungen nachkommen.

Gerade bei einer Freiwilligen Feuerwehr ist das ein wichtiger Test: Wie schnell stehen genügend Kräfte zur Verfügung? Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Einheiten, die aus verschiedenen Orten anrücken? Und wie lassen sich die vielfältigen Aufgaben an einer unübersichtlichen Einsatzstelle sinnvoll verteilen? Die Antworten fielen überwiegend positiv aus.

Bei der abschließenden Besprechung wurden die Abläufe gründlich ausgewertet. Besonders gelobt wurde die Vorbereitung der Gefahrstoffrecherche. Auf die entsprechenden Unterlagen konnten die Trupps nach ihren ersten Messungen unmittelbar zurückgreifen.

Gleichzeitig benannte die Übungsleitung - Winfried Melling und Ralf Eichen - Punkte, an denen Abläufe weiter verbessert werden sollen. Denn gerade bei seltenen und technisch anspruchsvollen Einsätzen ist es entscheidend, Schwachstellen nicht erst im Ernstfall zu entdecken.

Die Übung war außerdem bewusst in die Herbstferien gelegt worden. Bei regulärem Schwimmbadbetrieb hätten Badegäste, Sportgruppen und ein deutlich voller belegter Parkplatz die Lage zusätzlich erschwert.

Die Übungsleitung zog insgesamt ein positives Fazit: Beide angenommenen Verletzten konnten gerettet werden, die Gefahrstofflage wurde abgearbeitet und die Einsatzstelle schließlich unter Kontrolle an den Betreiber übergeben. Vor allem aber hatte sich gezeigt, dass das Zusammenspiel der verschiedenen Löschgruppen funktionierte. Und dass bei Gefahrstoffeinsätzen zwar jede Minute zählt, überstürztes Handeln aber neue Gefahren schaffen kann. Denn schnelle Hilfe bedeutet nicht, unüberlegt vorzugehen. Sondern zu wissen, was zu tun ist – und es gemeinsam zu machen.

pp/Agentur ProfiPress
 

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