„Weltweit einzigartig“

Mechernich – Als Maf Räderscheidt bei der 50. Vernissage der Mechernicher Galerie im Rathaus in die vielen (vertrauten) Gesichter blickte, kamen ihr am Rednerpult die Tränen. Denn für sie glich der Abend eher einer „wundervollen Geburtstagsparty“. Besonders bewegte sie die Begegnung mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Kreiskrankenhauses: „Das war einfach schön!“
Für die Künstlerin war dieser Abend weit mehr als ein Ausstellungstermin. Es war die Rückkehr an einen Ort, mit dem sie eine lebensrettende Erfahrung verbindet: „Ich wurde nicht abgefertigt oder nur verarztet. Ich wurde wirklich gerettet!“ Nach einer lebensgefährlichen Sepsis hatte sie auf der Intensivstation des Mechernicher Krankenhauses um ihr Leben gekämpft – und gewonnen: „Hier bin ich wiedergeboren worden!“
Zu Ehren ihrer Retterinnen und Retter hatte sie die Ausstellung „A painting a day keeps the doctor away“ mit Kuratorin Ela Rübenach entwickelt - zugleich die 50. Schau der Rathausgalerie. Bürgermeister Michael Fingel griff auf, dass „Mechernich war das Zauberwort“ im Vorbericht der Vernissage gestanden habe. Diese Aussage, so Fingel, erzähle von ihrer besonderen Verbindung zur Stadt. Umso schöner sei es, dass sie mit ihrer Kunst nach Mechernich zurückgekehrt sei.
40.000 Gemälde verloren
Seit 2008 greift Räderscheidt täglich zum Pinsel, sonntags ausgenommen. Nur die Flutkatastrophe in Gemünd und ihre schwere Erkrankung unterbrachen diese Arbeit. Bei der Flut wurden sogar rund 40.000 Werke ihres bisherigen Schaffens zerstört. Unterkriegen ließ sie sich davon nicht. Nach der Krankheit malte sie zeitweise sogar im Liegen weiter. Seit Anfang August begleitet sie die neuen Bilder mit Podcasts, in denen sie erzählt, was sie beim Malen beschäftigt und welche Geschichten sich in den Motiven verbergen. Aufgrund des emotionalen Wertes ihrer Werke habe sie entsprechend hohe Preise angesetzt.
Die Besucherinnen und Besucher der Rathausgalerie können diese Geschichten nun direkt vor den Bildern hören: An jedem Werk führt ein QR-Code zum passenden Podcast. Räderscheidt spricht darin über ganz unterschiedliche Themen – über Liebe und Träume, Tierschutz und Zorn, aber auch über das, was sie in Nachrichten und Alltag wahrnimmt. Ihre Tochter hatte sie zu einem Podcast angeregt; aus dem gemeinsamen Experiment entwickelte sich das tägliche Audio-Tagebuch zur Malerei.
„Maler, male, rede nicht“ – von diesem alten Diktum hält Maf Räderscheidt wenig. Zwar lasse sie den Betrachtenden gern Raum für eigene Gedanken. Bei dieser Werkserie aber möchte sie auch teilen, was in ihr vorgeht. Ihr Pinsel, erzählte sie, könne streicheln, zum Stilett oder zur Waffe werden, sich hingeben und Geschichten erzählen. Die Bilder seien auch eine Antwort auf Hass, Hetze und das, was sie als niederträchtiges Geschwätz erlebt.
Für die Künstlerin ist die Rathausgalerie ein passender Ort für diese Verbindung von Kunst und Leben. Im Rathaus werde gewartet, geheiratet und gefeiert; hier begegneten sich Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen. Vielleicht sitze jemand vor einer Bürotür und frage sich beim Blick auf ein Bild: „Was soll das?“ Mit dem Podcast könne diese Frage ein Anfang sein: zum genaueren Hinsehen, Zuhören und Weiterdenken.
Bewegung und Gegenbewegung
Die Galerie im Rathaus wurde 2011 auf Initiative des Mechernicher Künstlers Franz Kruse gemeinsam mit dem damaligen Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick und dem Ersten Beigeordneten Christian Baans gegründet. Seit diesem Jahr führt Ela Rübenach das ganze als Kuratorin fort. Bürgermeister Michael Fingel würdigte „ihre“ Galerie als einen Ort, an dem Kunst mitten im Alltag sichtbar wird: Wer ins Rathaus komme, um etwas zu erledigen, könne unverhofft einem Bild, einer Skulptur oder einer neuen Idee begegnen – auch dann, wenn er sich selbst nicht unbedingt als kunstinteressiert bezeichne.
Die Kuratorin Ela Rübenach dankte den Galerie-Gründern sowie Räderscheidt und freute sich sehr, diese besondere Ausstellung gemeinsam umsetzen zu können. Ein Konzept, das nach Rübenachs Recherche „weltweit einzigartig“ sei. Zu jedem Bild öffne sich damit eine Tür: Neben dem Werk würden auch die Gedanken, Beobachtungen und Geschichten dahinter hörbar.
Maf Räderscheidts große Dankbarkeit wird in der Ausstellung besonders konkret. Zehn Prozent jedes verkauften Werkes sollen an den Förderkreis des Krankenhauses Mechernich gehen. Ein Bild hat sie dem Krankenhaus bereits überlassen. In der Galerie berichtete die Künstlerin von Pflegekräften, Ärztinnen und Ärzten, die sie nicht nur medizinisch versorgt, sondern mit Herzlichkeit und Aufmerksamkeit durch die schwerste Zeit getragen hätten. Eine Mitarbeiterin habe ihr beim Abschied ein kleines Medikamentendöschen voller Smarties mit dem Aufdruck „Viel Glück“ geschenkt. An solche Gesten erinnere sie sich besonders.
Mit der Spende wolle sie auch auf die große Bedeutung der medizinischen Versorgung auf dem Land sowie auf die wichtige Arbeit der Pflegekräfte aufmerksam machen. Ihre Kunst solle dabei dem Schweren etwas entgegensetzen und dazu ermutigen, das Gute nicht aus dem Blick zu verlieren. Denn: „Jede Bewegung braucht eine Gegenbewegung!“
Das Catering übernahm ein Team des Pastoralen Raumes St. Barbara Mechernich. Musikalisch begleitet wurde der Abend mit Jazz-Einlagen von Uli van Staa & Friends, bestehend aus dem namensgebenden Pianisten, seinem Bruder Lothar van Staa am Saxofon und dem Kontrabassisten Christian Neumann. Die Ausstellung ist bis noch bis Mitte Januar während der Öffnungszeiten der Stadtverwaltung in der Galerie im Rathaus zu sehen. Schließich hatte Maf Räderscheidt für ihr „neues Leben“ einen so einfachen wie kraftvollen Wunsch: „Tanzen, lieben, lachen, essen und glücklich sein!“
pp/Agentur ProfiPress

















