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„Frieden ist möglich!“

Gesprächsabend der „Combatants for Peace“ („Kämpfer für den Frieden“) im Mechernicher Johanneshaus traf auf große Resonanz - Israeli Rotem Levin und Palästinenser Osama Iliwat sprachen über ihre Lebensgeschichten und setzten ein Zeichen für Gerechtigkeit, Gleichheit und Frieden

Mechernich/Israel/Palästina – Als die radikal-islamistischen Hamas am 7. Oktober des vergangenen Jahres einen Terrorangriff auf Israel verübten, stand die Welt unter Schock. Viele Unschuldige verloren ihr Leben oder wurden entführt, die Medien berichteten pausenlos über neue Entwicklungen. Auch Israel reagierte mit Gewalt, griff die Hamas in ihrem „Heimatland“ Palästina an und verstieß dabei teils ebenso gegen das Völkerrecht.

Hier wird klar: auf der Welt gibt es nicht nur schwarz und weiß. Für Außenstehende ist das Ganze schwer zu durchblicken, selbst für die Betroffenen im nahen Osten selbst. Meist hat man Angst voreinander – ohne zu wissen, wer der Andere eigentlich ist, der da teils nur wenige Meter entfernt wohnt. Und das schon seit Jahrzehnten.

So ging es auch dem Israeli Rotem Levin und dem Palästinenser Osama Iliwat lange Zeit - bevor sie sich entschieden, etwas zu tun. Gegen Gewalt und Hass, für Gerechtigkeit, Gleichheit und Frieden. So traten die beiden Ex-Soldaten den „Combatants for Peace“ („Kämpfer für den Frieden“) bei und reisen nun um die Welt, um die Menschen getreu nach ihrem Motto „Es gibt einen anderen Weg“ über den Konflikt im nahen Osten, seine Ursprünge und mögliche Lösungsansätze aufzuklären – so wie am vergangenen Wochenende im Mechernicher Johanneshaus der GdG St. Barbara Mechernich.

„Gewalt gemeinsam entgegenstellen“

Rund 80 Gäste waren zu dem vom Freundeskreis „Frieden für Nahost“, den „Omas gegen Rechts“, dem „Kommunalen Integrationszentrum“ im Kreis Euskirchen und der GdG organisierten Gesprächsabend erschienen. Ein Kamerateam drehte sogar eine Dokumentation vor Ort. Musikalische Pausen gestalteten Sieglinde Schneider (Gesang) und Adnan Schanan (Flöte). Friede Röcher von den „Omas gegen Rechts“ und Schneider verteilten zum Dank Blumen an die Männer und das Team drumherum.

Nachdem der Hausherr, Pfarrer Erik Pühringer, die Anwesenden begrüßt hatte, stellte er gleich klar: „Politik hat hier nichts zu suchen. Wir wollen zusammenkommen und uns unvoreingenommen austauschen.“ Dr. Edith Lutz vom Freundeskreis stimmte ihm zu: „Wir sind heute hier, um der grausamen Gewalt gemeinsam entgegen zu stehen!“

Dann erzählten die beiden Männer ihre Geschichten – die sich überraschend ähnelten. Wie der Staat ihnen schon als Kinder ein Weltbild propagierte, in dem das jeweils andere Land der Feind, das Böse ist. Wie eine Mauer in ihrem Leben ganz alltäglich war, die sie voneinander trennte. Wie sie keine Ahnung hatten, wie das Leben des anderen eigentlich wirklich ist… und wie sie sich schließlich dazu entschieden haben, einen Unterschied zu machen. Aufeinander zuzugehen, sich auszutauschen und gemeinsam für Frieden, Gleichheit und Gerechtigkeit einzutreten.

Sie sind sich sicher: „Frieden ist möglich!“ Dazu müssen aber alle an einem Strang ziehen und aufeinander eingehen. Osama Iliwat betonte dazu: „Wenn du Schmerz fühlst, lebst Du. Wenn Du den Schmerz anderer fühlst, bist Du ein Mensch.“

Die Geschichte eines Israeli…

Sein Gesprächspartner Rotem Levin erzählte, wie er mit zehn Jahren das erste Mal durch eine palästinensische Bus-Bombe das Gefühl bekam, dass sein Leben in Gefahr sei. Dadurch, und weil das Soldatentum in Israel sehr populär ist, entschied er sich schon früh, für sein Land kämpfen zu wollen. So ging er mit 18 Jahren zur Armee, „sein Traum wurde wahr“. Hier diente er drei Jahre, bis er den Krieg und seine Grausamkeiten satthatte. Er fragte sich, ob er wirklich das Richtige tut. Seine Zweifel kamen in seiner Familie nicht gut an, er fühlte sich unverstanden. Ein schmerzhaftes Ereignis. Nichts desto trotz begann er, sich für die unerzählten Geschichten zu interessieren und reiste um die Welt.

Vor elf Jahren traf er dann einen Palästinenser in Deutschland. Sie sprachen sich aus: über Flüchtlingslager, in denen Palästinenser seit 1948 wegen der Israelis leben müssen. Dem Jahr der Unabhängigkeit für Israel, das dort jedes Jahr groß gefeiert wird. Für die Palästinenser hingegen ist dies ein trauriges Ereignis.

Er erfuhr von einem Gesetz das verbietet, in israelischen Schulen über historische Fakten zum Konflikt zu reden und vieles mehr. Und so realisierte er langsam, dass die Schuld auf beiden Seiten liegt: „Da habe ich gemerkt, dass die Palästinenser mich nicht angreifen wollen, sondern vielleicht auch einfach nur einkaufen gehen möchten.“

…und eines Palästinensers

„Jetzt spricht der Terrorist“, begann auch Osama Iliwat seine Geschichte mit einem Stück Galgenhumor. Er kommt aus einem kleinen Dorf nahe Jerusalem. Seine Großmutter erzählte ihm oft Geschichten aus ihrem Heimatdorf, das er nie sah, da es auf der anderen Seite der Grenze liegt. 1967 musste sie nach Ost-Jerusalem ziehen und durfte nicht wiederkommen. Hier gab es auch große Massaker an den Palästinensern. So waren die Jahre 1948 und 1967 für den Palästinenser schon von Kindesbeinen an von großen Ängsten geprägt.

Als Junge zog er mit seiner Familie nach Jericho. Hier wurde die Angst nur schlimmer. Ständig waren israelische Soldaten in den Straßen unterwegs, sogar in seiner Schule, bevor sie sie ganz schlossen. Geblieben sind seitdem viele Traumata, beispielsweise durch viel Einsatz von Tränengas gegen sein Volk. Hierfür lag neben seinem Bett stets Zwiebeln für seine Augen – weil deren Saft angenehmer für die Augen war als das Tränengas.

Als Jugendlicher begann er sich dann zu wehren, nachdem sein Vater grundlos angegriffen worden war. Indem er nachts Graffitis mit dem Schriftzug „Free Palestine“ sprühte oder eine palästinensische Flagge in einen Baum hing, brachte er sich in Lebensgefahr. Später wurde er hierfür verhaftet. Dies ist in Israel übrigens ohne Verhandlung möglich: von einem Tag bis zu drei Jahren. In den folgenden Jahren verlor er viele Freunde an den Konflikt.

2010 besuchte er schließlich eine Friedenskonferenz in Bethlehem. Hier waren auch Israelis anwesend. Er fragt einen Freund: „Das ist doch nicht unser Raum?“ Und der antwortete: „Doch natürlich!“ Hier begann er, die Dinge mit anderen Augen zu sehen, sich auszutauschen. Beispielweise wusste er bis dato nichts vom Holocaust und dachte, es gäbe „nicht einen guten Israeli in dieser Welt“. Später besuchte er sogar ein ehemaliges KZ des NS-Regimes, fühlte dort Schmerz und Empathie für seinen ehemaligen Feind. So gründete er die Gruppe „Visit Palestine“ und setzt sich seitdem für Verständigung und Gemeinschaft unter den Völkern ein.

„Haben uns entschieden, Freunde zu sein“

Osama Iliwat resümierte: „Gegen Okkupation zu sein ist kein Antisemitismus. Das System will, dass wir Feinde sind. Wir haben und dazu entschieden, Freunde zu sein!“

Diese Botschaft wollen sie nun schon seit Jahren in der ganzen Welt verbreiten. Lösungen sind hingegen noch nicht in Sicht. In ihre Heimatländer zurückkehren können die Beiden wohl auch erstmal nicht, sonst würden sie wahrscheinlich verhaftet. Trotzdem halten sie an ihrer Idee der Verbrüderung fest: „Wir brauchen eine Lösung für den Frieden. Denn dieser ist ein Ort, an dem sich Menschen treffen, kennenlernen und akzeptieren.“

pp/Agentur ProfiPress

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