Zirpendes Schwergewicht unter Schutz
Der Warzenbeißer, wissenschaftlich Decticus verrucivorus, wurde zum „Insekt des Jahres 2026“ in Deutschland, Österreich und der Schweiz gekürt. Foto: S. Twietmeyer/Nationalparkverwaltung Eifel/pp/Agentur ProfiPress
Schleiden/Mechernich – „Zick, zick, zick“: Wer im Spätsommer beispielsweise über die Dreiborner Hochfläche in der Mechernicher Nachbarschaft wandert, kann mit etwas Glück einen ganz besonderen Bewohner hören. Der Warzenbeißer gehört mit einer Körperlänge von bis zu vier Zentimetern zu den stattlicheren Heuschrecken. In Nordrhein-Westfalen ist er vom Aussterben bedroht. Im Nationalpark Eifel aber hat die seltene Art einen ihrer wichtigsten Rückzugsorte gefunden.
Die „Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung“ in Frankfurt am Main hat den Warzenbeißer, wissenschaftlich Decticus verrucivorus, zum „Insekt des Jahres 2026“ in Deutschland, Österreich und der Schweiz gekürt. Damit rückt eine Art in den Mittelpunkt, deren Lebensräume seit Jahrzehnten schwinden: magere, halbtrockene Wiesen, die weder intensiv bewirtschaftet noch sich selbst überlassen werden dürfen.
Der Nationalpark Eifel beherbergt vermutlich die größte Population in ganz Nordrhein-Westfalen und den angrenzenden Beneluxstaaten. Bei einer Erfassung im Jahr 2023 zählten Forschende der Nationalparkverwaltung auf der Dreiborner Hochfläche knapp 500 Tiere.
Besonderer Name dank altem Volksglauben
Seinen ungewöhnlichen Namen verdankt der Warzenbeißer einem alten Volksglauben. Weil die kräftige Heuschrecke durchaus zubeißen kann und dabei einen scharfen Verdauungssaft abgibt, glaubten Menschen früher, sie könne Warzen beseitigen.
Zu erkennen ist das robuste Insekt außerdem an seinen langen Fühlern und dem auffälligen, würfelförmigen Muster auf den Vorderflügeln. Besonders charakteristisch ist der Gesang der Männchen: kurze, scharf zirpende „Zick-Laute“, die bei warmer Witterung über die Wiesen tragen.
Dass sich der Warzenbeißer auf der Dreiborner Hochfläche bis heute wohlfühlt, hängt eng mit der Geschichte des Gebietes zusammen. Die rund 1.400 Hektar große Offenlandschaft gehörte bis Ende 2005 zum Truppenübungsplatz Vogelsang. Durch den jahrzehntelangen militärischen Übungsbetrieb entstand ein weitgehend siedlungsfreier und kaum von Straßen zerschnittener Raum. Gemeinsam mit den umliegenden Wäldern entwickelte er sich zu einem wertvollen Rückzugsgebiet für zahlreiche seltene Tier- und Pflanzenarten.
Gezielte Pflege nötig
Der Warzenbeißer zeigt zugleich, dass Naturschutz nicht überall bedeutet, die Natur vollständig sich selbst zu überlassen. Während auf einem Großteil der Nationalparkfläche die ungestörte Entwicklung der Wälder im Mittelpunkt steht, würden die offenen Wiesen ohne Pflege nach und nach verfilzen, verbuschen und schließlich zuwachsen. Damit verschwände auch der Lebensraum der seltenen Heuschrecke.
Deshalb liegt ihr Vorkommen in einer geschützten Managementzone. Etwa die Hälfte der Offenlandbereiche auf der Dreiborner Hochfläche soll dauerhaft erhalten bleiben. Örtliche Landwirte und Schäfer pflegen die Flächen auf Grundlage entsprechender Verträge. Eine extensive Beweidung oder eine einmalige Mahd im Jahr schafft ideale Bedingungen für den Warzenbeißer und viele weitere Bewohner magerer Wiesen.
In zahlreichen Regionen Nordwesteuropas ist die Art inzwischen selten geworden. Auch in Deutschland gehen die Bestände vielerorts stark zurück. Hauptursachen sind der Verlust nährstoffarmer Grünlandflächen, eine intensive landwirtschaftliche Nutzung sowie hohe Einträge von Dünger und Stickstoff. Kleine, voneinander isolierte Restpopulationen verschwinden immer wieder vollständig.
Umso wichtiger ist das Vorkommen in der Eifel. Der Nationalpark will deshalb ein vielfältiges Mosaik aus beweideten und gemähten Flächen sowie nur gelegentlich gepflegten Brachen bewahren. So soll der kräftige Gesang des Warzenbeißers auch künftig über die Wiesen zirpen.







