Wie ein Doppeldorf entsteht
Stadtplanerin Sandra Bottin (l.) stellte im Mechernicher Stadtentwicklungs- und Planungsausschuss den Vorentwurf für den Bebauungsplan „ASB Firmenich-Obergartzem, Teilbereich A“ vor. Foto: Henri Grüger/pp/Agentur ProfiPress
Mechernich-Firmenich/Obergartzem – Wie wollen Menschen im neuen Siedlungsschwerpunkt Firmenich-Obergartzem künftig wohnen? Wie viel Grün braucht es? Wohin fließt das Wasser bei Starkregen – und wie lässt es sich für trockene Sommer speichern? Und wo kauft man ein?
Um solche Fragen ging es im Mechernicher Stadtentwicklungs- und Planungsausschuss, als der Vorentwurf für den Bebauungsplan „ASB Firmenich-Obergartzem, Teilbereich A“ beraten wurde. Nach einer langen und stellenweise lebhaften Diskussion gab das Gremium mit zwei Gegenstimmen den Startschuss für das weitere Verfahren und die frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit.
Damit ist aber noch lange nicht festgelegt, wie es am Ende bis ins Detail aussehen wird. Vielmehr soll der Vorentwurf nun weiter ausgearbeitet werden. Zahlreiche Anregungen aus dem Ausschuss sollen dabei geprüft und berücksichtigt werden.
Bürgermeister Michael Fingel brachte es auf den Punkt: „Die Bauleitplanung steht hier erst in den Kinderschuhen. Vorgeschriebene Verfahrensschritte liegen noch vor uns und müssen Schritt für Schritt bearbeitet werden. Eine Baugebietsentwicklung dauert infolgedessen nicht selten zwischen zwei und fünf Jahren. Daher ist es für die Verwaltung wichtig, dieses Verfahren nicht zu stoppen - damit der Nachfrage nach Wohnraum langfristig entgegengewirkt werden kann. Kurzfristige Lösungen gibt es bei dieser Thematik nicht.“
7,2 Hektar, 99 Grundstücke
Es ist also noch nichts in Stein gemeißelt. Der jetzt betrachtete Teilbereich umfasst rund 7,2 Hektar. Der derzeitige städtebauliche Entwurf sieht 99 Grundstücke vor: acht für Mehrfamilienhäuser, 14 für Doppelhäuser und 77 für Einfamilienhäuser. Die Mehrfamilienhäuser sollen zwei Vollgeschosse und ein Staffelgeschoss erhalten können. Für die übrige Bebauung ist überwiegend eine eingeschossige Bauweise vorgesehen.
Erreichbar sein soll alles über eine Haupterschließungsachse von zwei Seiten. Kleinere Anwohnerstraßen und Sackgassen sollen für ruhigere Wohnbereiche sorgen. Auch ein großer Grünbereich samt Teich ist geplant. Dort sollen Fußwege, Aufenthaltsmöglichkeiten und Begegnungsräume entstehen. „Alt- und Neubewohner sollen sich dort treffen und miteinander vernetzen können“, erläuterte Stadtplanerin Sandra Bottin bei der Vorstellung.
Der Bereich ist er grundsätzlich für Wohnungen, Dienstleistungen und wohnverträgliches Gewerbe vorgesehen. Auch der Flächennutzungsplan der Stadt Mechernich weist das Areal bereits als Wohnbaufläche aus. Nach Schule und Gemeinschaftshaus soll nun der nächste große Entwicklungsschritt für den Doppelort folgen. Langfristig ist ein wesentlich größeres Gebiet mit insgesamt rund 35 Hektar im Blick. Der Bebauungsplan ist allerdings als Angebotsplanung angelegt. Das bedeutet: Das Quartier kann je nach Bedarf schrittweise und in einzelnen Etappen entstehen.
Breite Zustimmung
Grundsätzlich stieß der Entwurf im Ausschuss auf breite Zustimmung. Man bat allerdings darum, den vorgesehenen Teich in der Nähe der Schule besonders in den Blick zu nehmen. Es müsse geprüft werden, wie verhindert werden könne, dass Kinder dort zu Schaden kommen. Andere Ausschussmitglieder warnten, Neubaugebiete wirkten auf dem Papier häufig naturnah, würden später aber von Betonpflaster, Schotterflächen und Sichtschutzzäunen geprägt. Angesichts heißer Sommer und Temperaturen um 40 Grad müsse deshalb bereits in der Planung sichergestellt werden, dass ausreichend Grün erhalten beziehungsweise neu geschaffen werde.
Der Erste Beigeordnete Thomas Hambach machte deutlich, dass die Stadt die privaten Bauherren nicht bis ins letzte Detail einschränken wolle. Viele technische und ökologische Anforderungen seien inzwischen ohnehin gesetzlich vorgeschrieben. Zudem müsse alles, was in einem Bebauungsplan festgesetzt werde, später auch kontrolliert werden können. Gleichzeitig verwies Hambach auf die geplanten Grünachsen, Fußwegeverbindungen und Rückhalteflächen.
Hingewiesen wurde auch darauf, dass der festgelegte „Ökologische Baukasten“ der Stadt bereits zahlreiche Instrumente für klimaresiliente Baugebiete enthalte. Wer über heiße Sommer und fehlenden Hitzeschutz klage, müsse diese Erkenntnisse bei einer neuen Planung auch konsequent anwenden. Angeregt wurde unter anderem, Zisternen oder andere Möglichkeiten zur Regenwasserrückhaltung verbindlich vorzuschreiben.
Wasser und bezahlbares Wohnen
Das Wassermanagement nahm in der Debatte breiten Raum ein. Zum Schutz vor Starkregen sind bereits mehrere Maßnahmen vorgesehen. Dazu gehören ein Rückhaltebecken im Zusammenhang mit dem Umbau der Panzerstraße sowie eine weitere große Rückhaltung oberhalb des bestehenden Teiches.
Bürgermeister Michael Fingel ging noch einen Schritt weiter. Die vergangenen Jahre seien davon geprägt gewesen, Regenwasser möglichst schnell abzuleiten: „Ich bin davon überzeugt, dass dieser Weg nicht mehr der Weg für die Zukunft sein kann.“ Stattdessen müsse darüber nachgedacht werden, Wasser im Gebiet zu puffern und während langer Trockenperioden einzusetzen. Firmenich-Obergartzem könne dabei zur „Blaupause“ für weitere Vorhaben im Stadtgebiet werden. Fingel: „Wir möchten hier neue Wege gehen.“ Dabei solle keinesfalls der Eindruck entstehen, die Stadt plane „schnell und einfach“. Das Projekt stehe am Anfang, und für tragfähige Lösungen brauche es Zeit.
Diskutiert wurde auch über den vorgesehenen Mix der Wohnformen. Aus dem Ausschuss kam der Wunsch, den Anteil der Mehrfamilienhäuser noch einmal zu überprüfen und gegebenenfalls zu erhöhen. Hintergrund sind nach Angaben aus der Sitzung 711 Anfragen nach Baugrundstücken. „Wir reden sehr oft über bezahlbaren Wohnraum“, hieß es in der Debatte. Deshalb müsse die Planung stärker berücksichtigen, dass Eigentumswohnungen, Mietwohnungen und kleinere Wohnformen für viele Menschen realistischer seien als ein eigenes Haus auf einem großen Grundstück.
Arzt, Supermarkt, Friseur…?
Kritische Nachfragen gab es auch zur Versorgung des wachsenden Doppelortes. Die neue Schule und das neue Dorfgemeinschaftshaus seien wichtige Bausteine, reichten für ein Neubaugebiet dieser Größenordnung aber nicht aus. Die Menschen benötigten auch Einkaufsmöglichkeiten, Arztpraxen, einen Bäcker, einen Friseur und weitere Dienstleistungen. Solche Angebote und die dazugehörigen Verkehrs- und Parkflächen müssten frühzeitig mitgedacht werden.
Bürgermeister Fingel und Erster Beigeordneter Hambach verwiesen dazu auf das Gelände der ehemaligen „Feuerfest“-Fabrik an der Panzerstraße. Das Areal befindet sich in Privatbesitz. Mit dem dortigen Investor führe die Stadt seit Monaten konkrete Gespräche. Vorgesehen sei eine gemischte Nutzung, zu der auch ein Nahversorger gehören könne. Die Überlegungen seien bereits fortgeschritten, so Fingel. Die Stadt arbeite derzeit daran, weitere benötigte Grundstücke verfügbar zu machen.
Geprüft werden soll im weiteren Verfahren auch, ob ein Nahwärmenetz sinnvoll sein könnte. Aus dem Ausschuss kam der Vorschlag, dabei mögliche Prozesswärme aus dem angrenzenden Gewerbegebiet einzubeziehen. Andere Stimmen bezweifelten, dass sich ein solches Netz angesichts moderner Wärmepumpen wirtschaftlich betreiben ließe. Ein Anschlusszwang könne zudem die Vermarktung der Grundstücke erschweren. Einigkeit bestand schließlich darin, die Möglichkeiten zunächst fundiert prüfen zu lassen.
Auch die benachbarte Kartbahn kam zur Sprache. Dabei geht es vor allem um mögliche Lärm- und Abgasbelastungen. Hambach kündigte an, im weiteren Verfahren bei Bedarf ein Schallschutzgutachten erstellen zu lassen. Fingel erinnerte daran, dass die Kartbahn bereits vorhanden war, bevor die Wohnbebauung geplant wurde. Es gelte daher, die Interessen der künftigen Bewohner ebenso zu berücksichtigen wie den Bestandsschutz und das gesellschaftliche Miteinander.
Los geht´s
Die Stadt Mechernich ist nach Angaben der Verwaltung mit Abstand größte Grundstückseigentümerin im jetzt betrachteten Teilbereich. Das Areal soll in städtischer Eigenregie entwickelt, erschlossen und vermarktet werden. Ein Investor für das gesamte Wohngebiet werde weder gesucht noch sei ein solcher bereits vorhanden. Eine belastbare Kalkulation für Erschließung und Grundstückspreise liegt noch nicht vor. Dafür müsse zunächst genauer feststehen, welche Straßen, Grünflächen, Rückhalteanlagen und weiteren Einrichtungen tatsächlich gebaut werden sollen.
Mit dem mehrheitlichen Beschluss ist der Weg nun frei, diese Fragen weiterzuverfolgen. Die Verwaltung soll die Anregungen aus dem Ausschuss fachlich prüfen und in die Planung einarbeiten.
Danach folgen weitere politische Beratungen und die Offenlage, bei der sich auch Bürger und Träger öffentlicher Belange beteiligen können. So war der Beschluss noch keine endgültige Entscheidung über das Aussehen des Baugebiets, sondern vielmehr der Startschuss für den weiteren Planungsprozess.







