Wenn die Klasse zum Star wird

Mechernich-Lückerath – Auf einer Plane am Waldboden liegen bunte Rucksäcke, unter den Baumkronen schmiegen sich bemooste Äste wie Zeltstangen an die Stämme. Ein Tennisball kullert im Zickzack den Hügel hinab, angefeuert von fröhlichen Kinderstimmen. Und irgendwo tüfteln drei Nachwuchs-Ingenieure an einem Floß: Willkommen im derzeit wohl größten Klassenzimmer der Katholischen Grundschule Lückerath.
Dass 198 Kinder gemeinsam mit 13 Lehrerinnen, drei Sonderpädagoginnen, Klassenassistenzen, Schulbegleiterinnen und der Schulsozialarbeiterin eine komplette Schulwoche an der frischen Luft im Wald verbringen, gab es noch nie – weder an der KGS Lückerath, noch sonst wo im Stadtgebiet. Jeden Morgen geht es zu Fuß vom Schulhof in ein wunderschönes und geradezu verwunschen anmutendes Waldstück, das auch eine prima Kulisse für die Verfilmung von Astrid Lindgrens Ronja Räubertochter abgegeben hätte. Hier, zwischen Lückerath und Bleibuir verstecken sich nicht nur sanfte Hügel und ein kleiner Bachlauf unterm Blätterdach, sondern auch unendlich viele Möglichkeiten zur Beschäftigung.
Doch was hier sieben Tage lang auf einem besonders hübschen Abschnitt von Waldbesitzer Peter Essers Boden, stattfinden darf, ist nicht etwa eine besonders ausgedehnte Walderlebniswoche. Nein: Die KGS Lückerath beteiligt sich am Projekt DKidS, kurz für „Die Klasse ist der Star“.
Entwickelt wurde der Ansatz von der Solinger Diplom-Psychologin und Schulpsychologin Katrin Aydeniz. Der Grundgedanke lasse sich auf eine einfache Formel bringen, erklärt Schulleiterin Sonja Daniels: „Lernen durch Erleben statt Lernen durch Erklären.“
Erwachsene halten sich zurück
Im Mittelpunkt steht die Gruppe. Die Kinder sollen erleben, was es heißt, einer Gemeinschaft anzugehören, Verantwortung füreinander zu übernehmen, Bedürfnisse auszuhandeln, Konflikte auszuhalten und gemeinsam Lösungen zu finden. „Anders gesagt“, so die Schulleiterin: „Alles, was in der Gruppe passiert, hat auch mit mir zu tun.“
Erwachsene halten sich beim Projekt DKidSalso zurück. Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte sollen während der Waldtage vor allem teilnehmende Beobachter sein, und nicht wie sonst jedes Problem lösen. Nicht jede Diskussion abkürzen und nicht sofort eingreifen, wenn etwas hakt. Gar nicht so einfach für ausgebildete Pädagogen, oder?
„Für uns alle war das in der Tat die größte Herausforderung, nicht einzugreifen. Sondern zu schweigen und die Kinder selbst Lösungen finden zu lassen“, sagt Schulleiterin Sonja Daniels. Selbstorganisation braucht nun mal Zeit: Gerade zu Beginn habe es auch schon einmal eine ganze Stunde dauern können, ehe eine Klasse gemeinsam losziehen konnte – weil ein Kind zum Beispiel partout noch auf der Schaukel sitzen bleiben wollte. Für die Gruppe das erste Problem: Was machen wir jetzt?
Solche Momente gehören zum Konzept. Nicht die schnellste Lösung zählt, sondern der Weg dorthin. Zuhören, argumentieren, warten, Kompromisse finden, Frust aushalten – und irgendwann gemeinsam weitergehen. Soziale Fähigkeiten.
Ein Wald, tausend Möglichkeiten
Ist die Gruppe erst einmal angekommen, übernimmt der Wald ganz von allein die Regie. Spielzeug und Klettergerüst braucht hier niemand. Dafür gibt es Erde, Wasser, Steine, Äste, Blätter, Moos und Zapfen. Die einen buddeln Murmelbahn-Wege in die weiche Erde. Andere legen Mandalas aus Naturmaterialien, bauen Hütten, Brücken und Unterschlüpfe oder richten sich gemütliche Picknick-Plätze ein. Wieder andere experimentieren am Bachlauf mit kleinen Flößen.
Was wie und wo entsteht, bestimmen die Kinder selbst. Und weil größere Vorhaben selten allein funktionieren, ergibt sich Zusammenarbeit fast automatisch: Einer hält den Ast, eine andere sucht passendes Material, der nächste hat eine Idee, wie die Konstruktion stabiler werden könnte.
Fast, wie in der Politik oder bei der Stadtplanung. Klar, dass auch Bürgermeister Michael Fingel sich dieses spannende Projekt unbedingt ansehen wollte. Bei seinem Besuch nahm er sich reichlich Zeit, um die phantasievollen Bauwerke und Kunstobjekte wie verzierte Baumstümpfe genauestens unter die Lupe zu nehmen. Fingel bestaunte Murmelbahnen, ließ sich Flöße zeigen und von den kleinen Baumeisterinnen und Baumeistern erklären, was sie sich bei Hütten, Wegen und Konstruktionen gedacht hatten.
Der Eifelwald sei ihm seit Kindertagen vertraut, verriet der Bürgermeister Schulleiterin Sonja Daniels – wobei er fröhlich über einen Baumstamm balancierte.
„Es gibt einfach kein besseres Spielfeld für Kinder als den Wald“, findet Michael Fingel, selbst Vater von zwei Kids. „Darum finde ich das Projekt geradezu perfekt!“ Denn, wie auch die Schulleiterin ihm bestätigte: „Längst nicht alle Kinder gehen mit der Familie ab und zu mal in den Wald.“
„Ihr könnt schon mal nicht ertrinken“
Am Bachlauf kam es dann noch zu einem besonderen Wiedersehen. Einige Kinder erkannten Michael Fingel nicht nur als Bürgermeister, sondern auch als ihren früheren Schwimmausbilder bei der DLRG. Dem und der ein oder anderen hatte er persönlich das Schwimmen beigebracht. Mit Blick auf das plätschernde Wasser stellte er deshalb augenzwinkernd fest: „Ihr könnt schon mal nicht ertrinken.“
Hinter aller Leichtigkeit steckt ein pädagogischer Ansatz, der im besten Fall weit über diese Woche hinausreichen soll. DKidS will das Zugehörigkeitsgefühl innerhalb einer Klasse stärken und Kindern vermitteln, dass eine Gemeinschaft nicht einfach vorhanden ist, sondern von jedem Einzelnen mitgestaltet wird. Im Laufe des Schuljahres wird es darum 3 weitere DKidS Tage geben, die flexibel von den Klassen gestaltet werden können, verriet Schulleiterin Sonja Daniels.
Auch andere Grundschulen, die bereits mit dem Konzept arbeiten, wie Nettersheim, führen den Gruppengedanken nach den Waldphasen im Schulalltag fort. Die gemeinsamen Erfahrungen sollen sich auf Zusammenarbeit, Konfliktverhalten und letztlich auch auf das Lernen im Klassenraum auswirken. Denn wer sich in einer Gruppe sicher, wahrgenommen und verantwortlich fühlt, hat eine bessere Grundlage, um gemeinsam zu lernen.
Für die Lückerather KGS-Pänz dürfte von dieser Woche ohnehin so einiges hängenbleiben. Neben der Erkenntnis, dass man einen Streit auch ohne Erwachsene lösen kann, vielleicht ja auch die Erfahrung, dass im Wald spielen richtig Spaß macht – allein und in der Gruppe.
pp/Agentur ProfiPress










