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Vergangenheit vom Tonband

Blick in die Mechernicher Nachbarschaft: Norbert Scheuer legt mit „Holunderholz“ einen neuen Roman aus seiner literarischen Eifel vor – Keldenicher Schriftsteller verbindet eine Familiengeschichte mit der verheerenden Explosion des Prümer Kalvarienbergs von 1949 – Auftakt einer neuen Eifel-Trilogie

Norbert Scheuer, geboren in Prüm und seit vielen Jahren in Kall-Keldenich zu Hause, hat die Eifel wie kaum ein anderer Gegenwartsautor zu einem eigenen literarischen Kosmos gemacht. Mit seinem neuen Roman „Holunderholz“ führt er seine Leser bis zur Explosionskatastrophe am Prümer Kalvarienberg im Jahr 1949 zurück. Foto: Elvira Scheuer/pp/Agentur ProfiPress

Eine Katastrophe, deren Spuren bis heute sichtbar sind: Am 15. Juli 1949 explodierten im Kalvarienberg bei Prüm rund 500 Tonnen Sprengstoff. Zwölf Menschen starben, große Teile der Stadt wurden verwüstet. Das historische Ereignis bildet einen zentralen Resonanzraum von Norbert Scheuers neuem Roman „Holunderholz“. Foto: Bundesarchiv/Wikimedia Commons

Beschädigte Tonbänder, eine Familiengeschichte voller Leerstellen und die Katastrophe von Prüm: In „Holunderholz“ lässt Norbert Scheuer Gegenwart und Nachkriegszeit auf charakteristische Weise ineinanderfließen. Der Roman ist zugleich als Auftakt einer neuen Eifel-Trilogie angekündigt. Repro: C.H.Beck/pp/Agentur ProfiPress

Mechernich/Kall/Prüm – Es gibt Landschaften, die vergessen nichts. Menschen bauen neue Häuser, Straßen werden wiederhergestellt, Wälder wachsen über Wunden im Gelände, und irgendwann sieht eine Gegend aus, als wäre nichts geschehen. Aber unter der Oberfläche bleibt etwas zurück. Ein Krater. Eine Erinnerung. Eine Geschichte, die niemand zu Ende erzählt.

Norbert Scheuer kennt solche Landschaften. Seit Jahrzehnten macht der in Prüm geborene und in Kall-Keldenich lebende Schriftsteller die Eifel zu einem literarischen Kosmos, in dem die großen Verwerfungen der Menschheit in kleinen Orten, Familien und einzelnen Menschen weiterwirken. In denen sich die Unendlichkeit der Milchstraße in einer Pfütze vor dem Kaller Bahnhof spiegelt, wie er einmal schrieb…

Dafür hat sich Norbert Scheuer längst weit über seine Heimatregion hinaus einen Namen gemacht. Seine Romane „Überm Rauschen“ und „Am Grund des Universums“ standen auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, für „Winterbienen“ erhielt er unter anderem den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis und den Evangelischen Buchpreis.

Mit seinem im August bei C.H.Beck erschienenen Roman „Holunderholz“ kehrt Scheuer nun einmal mehr in „seine“ Eifel zurück – allerdings in eine Eifel, deren Boden im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne aufgesprengt worden ist.

Ein Berg explodiert

Am 15. Juli 1949 geschah in Prüm etwas, das sich tief in das kollektive Gedächtnis der Region eingebrannt hat. In einem Bunker im Kalvarienberg lagerten gewaltige Mengen Sprengstoff. Rund 500 Tonnen explodierten. Die Kuppe des Berges wurde weggesprengt, zwölf Menschen kamen ums Leben, Hunderte wurden verletzt, große Teile Prüms verwüstet. Zurück blieb ein riesiger Krater, der bis heute von der Katastrophe erzählt.

Diese tatsächliche Begebenheit bildet den dunklen historischen Resonanzraum von „Holunderholz“. Scheuer schreibt jedoch keinen historischen Katastrophenroman. Ihn interessiert etwas anderes: Was bleibt von einem Ereignis, wenn diejenigen, die es erlebt haben, nicht mehr da sind? Und was geschieht mit den Geschichten, die sie nicht oder nur unvollständig erzählt haben?

Scheuer selbst hat berichtet, die Geschichte der Prümer Explosion habe sich schon in seiner Kindheit tief in ihm festgesetzt. Dass sie irgendwann Eingang in einen Roman finden würde, sei deshalb nur eine Frage der Zeit gewesen.

Stimmen aus anderer Zeit

Sein Protagonist Johann Arimond ist Programmierer. Nach dem Tod seiner Mutter kehrt er nach Kall zurück und beginnt, deren Nachlass zu sichten. Dabei stößt er auf ein altes Magnetophon und Tonbänder seines Großvaters.

Was darauf gespeichert ist, liefert allerdings keine wohlgeordnete Familienchronik. Die Aufzeichnungen sind beschädigt. Stimmen tauchen auf und verschwinden wieder, Geräusche sind zu hören, Gesprächsfetzen, Erinnerungsreste. Johann beginnt, diesen akustischen Spuren zu folgen.

Auf diesem Resonanzboden setzt Scheuer ein erzählerisches Verfahren in Gang, das hervorragend zu seinem Thema passt: Die Form des Romans selbst ähnelt dem Erinnern. Vergangenheit kommt nicht sauber beschriftet aus einem Archivkarton. Sie meldet sich in Fragmenten. Manches lässt sich zusammensetzen, anderes bleibt widersprüchlich, und manches Loch lässt sich überhaupt nicht mehr schließen.

Gerade darin liegt der Sog des Romans. „Holunderholz“ bewegt sich zwischen Familiensaga, historischem Roman und einer Art literarischer Spurensuche. Der NDR spricht von einem „poetischen Eifelroman mit Krimitouch“. Die Spannung entsteht weniger aus der klassischen Frage nach dem Täter als aus einer viel elementareren: Was ist damals tatsächlich geschehen?

Eifel ist nicht nur Kulisse

Wer Norbert Scheuers Bücher seit Jahren begleitet, weiß, dass Kall und die Eifel darin nie nur Dekoration sind. Sie bilden vielmehr einen eigenen erzählerischen Organismus. Menschen verschwinden, andere tauchen wieder auf, Familiennamen, Geschichten und Motive wandern von Roman zu Roman. Scheuers schriftstellerisch aufgearbeitete Eifel besitzt ein literarisches Gedächtnis.

Der WDR hat ihn deshalb nicht zu Unrecht einen „Chronisten der Eifel“ genannt. Scheuer macht aus der vermeintlichen Provinz Weltliteratur im ursprünglichen Sinne: Er zeigt die große Geschichte dort, wo sie bei den Menschen ankommt – in Küchen und Kneipen, auf Straßen, an Flüssen, in Wäldern, in Familien und Erinnerungen.

Das verbindet „Holunderholz“ mit früheren Büchern Scheuers und insbesondere mit „Winterbienen“, seinem großen Roman über den Zweiten Weltkrieg. Wieder sind historische Ereignisse nicht bloß Hintergrund, sondern greifen tief in individuelle Biografien ein.

Dass Scheuer dabei weder Heimatliteratur im engeren Sinne noch historische Belehrungsprosa schreibt, gehört seit jeher zu seinen Stärken. Seine Eifel kann schön sein, aber sie ist niemals harmlos.

Scheuer wurde am 16. Dezember 1951 in Prüm geboren. Seine Eltern betrieben dort eine Gastwirtschaft; später wechselte die Gastwirtsfamilie mehrfach innerhalb der Eifel den Wohn- und Arbeitsort. Scheuer lebt heute seit Jahrzehnten in Kall-Keldenich, aber Prüm blieb für seine literarische Vorstellungswelt wichtig.

Besonders aufschlussreich ist eine ältere Äußerung Scheuers über seine Geburtsstadt. Er erinnerte sich an Markttage, Besuche mit seiner Großmutter in der Basilika, die Sandalen Christi, amerikanische Soldaten, Bauern in der elterlichen Gaststätte, die Gerberei, den Philosophenpfad, den Kalvarienberg und den Fluss Prüm. Sein bemerkenswerter Satz dazu lautete: „Prüm ist Zentrum meiner Erinnerung.“ Dort wird „Holunderholz“ auch autobiographisch besonders interessant.

Die verheerende Explosionskatastrophe auf dem Prümer Kalvarienberg vom 15. Juli 1949 ereignete sich zwar gut zwei Jahre vor Scheuers Geburt, gehört aber unmittelbar zu seiner Familiengeschichte. Seine Mutter befand sich damals mit Scheuers älterem Bruder in Prüm. Als die Bevölkerung gewarnt wurde, floh sie mit dem Kind aus der Stadt. Später erzählte sie ihrem Sohn, wie nach der Explosion aus einem schönen Sommerabend plötzlich finstere Nacht geworden sei.

Norbert Scheuer selbst sagt über diese mütterliche Erinnerung: „Das hat sich bei mir tief eingegraben.“ Die Explosion von Prüm ist nicht lediglich ein historischer Stoff, den Scheuer für seinen neuen Roman recherchiert hätte. Sie gehört zum überlieferten Familiengedächtnis des Autors. Im Roman führen die alten Tonbandaufnahmen, denen Johann Arimond nachgeht, schließlich zu eben jener Katastrophe des Sommers 1949.

Ein Autor des Ungewissen

Auch sprachlich bleibt Scheuer seinem Prinzip treu. Er erklärt nicht. Er vertraut darauf, dass Leerstellen beim Leser weiterarbeiten. Die beschädigten Tonbänder sind deshalb mehr als ein erzählerischer Kunstgriff. Sie werden zum Sinnbild dafür, wie Erinnerung überhaupt funktioniert. Jeder Mensch besitzt Fragmente seiner Familiengeschichte, Geschichten von Eltern und Großeltern, vielleicht Fotografien, Briefe oder einzelne Sätze, deren Bedeutung erst Jahrzehnte später erkennbar wird. Oder auch nicht…

Das Unabgeschlossene und Ungewisse hat auch die überregionale Kritik als ein wesentliches poetisches Prinzip des neuen Scheuer-Romans erkannt. Darin liegt womöglich eine der stärksten Ideen von „Holunderholz“: Wir können unsere Vergangenheit untersuchen, aber wir können sie nicht vollständig rekonstruieren. 

So handelt auch dieser ausgesprochen Eifelerische Roman Norbert Scheuers letztlich von etwas Universellem. Wie viel wissen wir tatsächlich über diejenigen, von denen wir abstammen? Welche ihrer Erfahrungen wirken in uns weiter, obwohl niemand darüber gesprochen hat? Und welche Wahrheit entsteht, wenn Erinnerung, Überlieferung und Vorstellung ineinander übergehen? Norbert Scheuer beantwortet diese Fragen nicht, jedenfalls nicht abschließend. Gerade deshalb stellt er sie umso eindringlicher.

Die ersten Reaktionen der Literaturkritik zeigen, dass „Holunderholz“ weit über seinen regionalen Schauplatz hinaus wahrgenommen wird. Der SWR charakterisiert das Buch als gleichermaßen poetisch und verstörend, der NDR hebt seine Verbindung von Poesie und kriminalistischer Spannung hervor. Auch darin zeigt sich eine Fähigkeit, die Scheuers Werk seit langem auszeichnet: Aus dem scheinbar Überschaubaren der Eifel heraus erzählt er Geschichten über Krieg und Frieden, Schuld und Verlust, Liebe und Erinnerung.

Und über Menschen, die glauben, die Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben – bis sie plötzlich wieder zu ihnen spricht. Diesmal kommt ihre Stimme aus einem alten Tonbandgerät. „Holunderholz“ soll zugleich Auftakt einer neuen Eifel-Trilogie sein. Man darf also davon ausgehen, dass Scheuers literarische Behandlung eines Landstrichs und seiner Menschen, die alle auch außerhalb dieser Region betrifft, noch längst nicht auserzählt ist.

pp/Agentur ProfiPress

Norbert Scheuer: „Holunderholz“: Roman, C.H.Beck, München 2026, 265 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3-406-85117-9.
 

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