Premiere wie ein Wiedersehen


Mechernich/Bouderath/Tirunelveli – Es gibt Reisen, auf denen man fremden Menschen begegnet. Und es gibt Reisen, auf denen man Menschen zum ersten Mal gegenübersteht – und trotzdem das Gefühl hat, sie längst zu kennen. So erging es Karin Raths aus Mechernich und Inge Klinkhammer aus Bouderath, als sie nach langer Reise im südindischen Tirunelveli das „Sunrise Children’s Village“ betraten. Noch nie zuvor waren die beiden Frauen dort gewesen. Und doch waren ihnen dieser Ort und manche seiner Bewohner seit vielen Jahren vertraut.
„Es war wie ein Wiedersehen“, erzählt Karin Raths nach ihrer Rückkehr in die Eifel. „Viele kannten uns von den Fotos – und wir sie umgekehrt.“ Gut zu erkennen seien die Gäste aus Deutschland außerdem an ihren T-Shirts des Missionskreises St. Gertrud Bouderath gewesen.
Fünf Teilnehmer aus der Eifel gehörten zu der insgesamt 28-köpfigen Reisegruppe um den aus Indien stammenden Schönstatt-Pater George Jeganathan: Karin Raths aus Mechernich, Inge Klinkhammer und ihr Mann Norbert sowie Angelika und Wilfried Schröder aus Euskirchen-Palmersheim. Letztere kennt Karin Raths seit vielen Jahren aus Begegnungen im Schönstattzentrum Haus Maria Rast.
Der größere Teil der Reisegesellschaft kam aus dem hessischen Wirkungsfeld von Pater George rund um Ober-Erlenbach. Die zweiwöchige Rundreise führte quer durch den Subkontinent. Von Frankfurt ging es über Dubai nach Delhi, von dort unter anderem nach Agra mit dem Taj Mahal, über Fatehpur Sikri und den Ranthambhore-Nationalpark nach Jaipur und Udaipur.
Ein Inlandsflug führte anschließend über Bangalore nach Trivandrum im südwestindischen Kerala und weiter über Kanyakumari, die Südspitze Indiens, nach Tirunelveli im Bundesstaat Tamil Nadu. Tempel, Paläste, Kirchen, Millionenstädte und Landschaften lieferten der Reisegruppe Eindrücke in überwältigender Fülle. Für die fünf Eifeler lag der eigentliche Höhepunkt nicht an einem der Weltwunder und nicht in einem Maharadscha-Palast, auch nicht im Bistum Trivandrum, aus dem Father Jaison Thazhathil, der Generalsuperior der Mechernicher Communio in Christo stammt, zu der Karin Raths enge Beziehungen pflegt, wie auch zur Schönstatt-Bewegung und ihrer Heimatpfarrei St. Gertrud in Bouderath.
Mit Musikkapelle empfangen
Der Schwerpunkt der Indienrundreise lag für die Eifeler Teilnehmer im Kinderdorf. Als die deutschen Besucher im „Sunrise Children’s Village“ ankamen, wurden sie von einer Musikkapelle sowie Kindern, Jugendlichen, Betreuerinnen und Patres begrüßt. Aus jahrzehntelanger Hilfe über Tausende Kilometer hinweg wurde plötzlich unmittelbare Begegnung.
Nach Angaben von Karin Raths leben im eigentlichen Kinderdorf rund 30 Kinder und Jugendliche, darunter Waisen und Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen nicht bei ihren Herkunftsfamilien aufwachsen können. Hinzu kommt die angeschlossene Schule mit rund 650 Schülerinnen und Schülern.
Dass ein solches Projekt weit mehr bedeutet, als Kinder mit Essen und Kleidung zu versorgen, hätten auch die Verantwortlichen im Laufe der Jahre erfahren, erzählt Karin Raths. Schule, Ausbildung und der spätere Weg in ein selbstständiges Leben gehören ebenso dazu. Bei jungen Frauen spielten außerdem traditionelle gesellschaftliche Erwartungen rund um Heirat und Mitgift eine Rolle.
Die Gäste hatten ihrerseits reichlich mitgebracht. Spielsachen, Mal- und Schulmaterialien, Süßigkeiten und andere kleine Geschenke breiteten sich auf dem Boden aus. Was in Deutschland gesammelt worden war, bekam im Sunrise Village unmittelbar einen Empfänger.
Auf der Reise wurde auch ausgerechnet eine derjenigen beschenkt, die seit Jahrzehnten für andere sammelt: Karin Raths feierte ihren 71. Geburtstag. Die Gastgeber ließen es sich nicht nehmen, einen großen Geburtstagskuchen aufzutischen. Nur bei der Zahl der Kerzen übten sie Zurückhaltung: Eine einzige musste reichen. Karin Raths erzählt die Episode mit sichtlichem Vergnügen.
Sie ist ohnehin keine Frau für aufgesetzte Frömmigkeit. Die Mutter zweier Kinder und fünffache Großmutter steht mit beiden Beinen im Leben. Ihr christlicher Glaube ist dabei weniger Dekoration als Fundament.
Viertelmillion Euro gesammelt
Seit 1980 besteht der Missionskreis St. Gertrud Bouderath. Als Gründer und frühe Mitglieder nennt eine Aufstellung Vikar Dr. Albert Damblon, Karin Raths aus Holzmülheim, Ina Klinkhammer aus Bouderath sowie Monika Breuer und Renate Flittorf aus Roderath.
Aus kleinen Anfängen erwuchs ein erstaunlich dauerhaftes Hilfswerk mit heute rund 16 aktiven Mitstreiterinnen. Auch die Männer packen mit an, wenn es den jährlichen Adventsmissionsbasar vorzubereiten gilt. Karin Raths stand dem Missionskreis 45 Jahre lang vor. Zum Jubiläum im vergangenen Jahr zog sie Bilanz: Rund 250.000 Euro seien in diesen viereinhalb Jahrzehnten bei Missionsbasaren und anderen Aktionen zusammengekommen und in Hilfsprojekte geflossen – insbesondere nach Brasilien und Indien.
Die Indienhilfe reicht seit Jahrzehnten zurück. Das heutige „Sunrise Children’s Village“ wurde für den Bouderather Missionskreis zu einem besonderen Schwerpunkt. Der Missionskreis beschränkte sich aber nie darauf, einmal im Jahr Waren auf einen Basartisch zu legen. Auch in der eigenen Pfarrei engagierten sich seine Mitglieder, beispielsweise bei der Renovierung des Pfarrheims. Aus den Reihen des Kreises gingen Wortgottesdienstleiterinnen, Lektorinnen und Kommunionhelferinnen hervor.
Man traf sich regelmäßig. Und man betete miteinander. „Beten war für mich immer ein wesentlicher Bestandteil unserer Missionsarbeit“, sagt Karin Raths. Kontemplation und Aktion gehörten für sie zusammen. Dass ihre Nachfolgerinnen die Arbeit inzwischen stärker als soziales Projekt verstehen, sieht sie gelassen: „Daran ist ja nichts Verwerfliches, es bleibt der gute Zweck.“
Für sie persönlich ist jedoch die geistliche Dimension wichtig. Karin Raths ist überzeugt, dass das Gebet keine Einbahnstraße ist: Nicht nur die Menschen in Bouderath hätten über Jahrzehnte für die Kinder und ihre Betreuer in Indien gebetet. „Ich bin sicher, dass die Kinder dort auch für uns beten.“ Vielleicht erklärt gerade diese Haltung, warum sich die erste persönliche Begegnung nach all den Jahren eben nicht wie eine Premiere anfühlte.
„Missionskreis mein Herzenskind“
„Der Missionskreis ist mein Herzenskind“, sagte Karin Raths im Interview mit der Mechernicher Agentur ProfiPress. Der Satz klingt bei ihr weder pathetisch noch überhöht. Sie habe Verantwortung für die eigene Familie getragen, erzählt sie. Trotzdem habe sie gespürt, dass sie auch außerhalb der Familie „etwas für mein Herz“ brauche. Über Jahrzehnte waren es die Missionsarbeit und die Menschen, denen sie galt.
Dass diese Geschichte weitergeht, zeigte sich bereits während der Indienreise. Einige Teilnehmer aus Hessen waren von den Begegnungen derart beeindruckt, dass sie spontan ankündigten, am 14. und 15. November 2026 zum nächsten Missionsbasar nach Bouderath zu kommen.
Der hat, wie Karin Raths betont, seinen ganz eigenen Charakter. Es geht weniger um einen gewöhnlichen Advents- oder Weihnachtsmarkt als um überwiegend selbst gefertigte Dinge, deren Erlös den Hilfsprojekten zugutekommt. Hinzu kommt eine Cafeteria mit rund 20 selbst gebackenen Kuchen und den legendären „Bouderather Tannenzapfen“, einer mit Vanille-Sahne-Creme gefüllten Spezialität aus Hefeteig.
Das Publikum kommt längst nicht allein aus Bouderath und der näheren Umgebung. Stammgäste reisen aus dem Raum Bonn und Düren und sogar aus dem deutsch-belgischen Grenzgebiet an. Dieses Mal könnten auch einige Menschen aus Hessen darunter sein, die inzwischen selbst gesehen haben, was mit dem Geld geschieht. Regelmäßig werden um die 500 Besucher gezählt. Wer helfen oder unterstützen will, kann sich an ingebil@web.de wenden.
Und so führt die Reise vielleicht auf ganz eigene Weise zurück an ihren Ausgangspunkt: von Bouderath nach Tamil Nadu und wieder zurück. Für Karin Raths und Inge Klinkhammer war der Besuch im „Sunrise Children’s Village“ jedenfalls keine erste Begegnung im eigentlichen Sinne. Sie waren zum ersten Mal dort. Und doch kamen sie an wie alte Bekannte.
pp/Agentur ProfiPress













