„Mechernich“ war das Zauberwort
Glückliche Kuratorin: Ela Rübenach (links) freut sich, am Freitag, 16. Oktober, um 19 Uhr die Jubiläumsausstellung zur 50. Galerie im Rathaus mit Werken aus Maf Räderscheidts „weltweit einzigartigem Kunstprojekt“ zu eröffnen. Titel: „A Painting a Day keeps the doctor away“. Foto: Kerstin Rottland/pp/Agentur ProfiPress
Glückliche Kuratorin: Ela Rübenach (links) freut sich, am Freitag, 16. Oktober, um 19 Uhr die Jubiläumsausstellung zur 50. Galerie im Rathaus mit Werken aus Maf Räderscheidts „weltweit einzigartigem Kunstprojekt“ zu eröffnen. Titel: „A Painting a Day keeps the doctor away“. Foto: Kerstin Rottland/pp/Agentur ProfiPress
Mechernich – Eigentlich stelle sie ja nicht in Rathäusern aus, zuckt Maf Räderscheidt die Achseln. Wäre da nicht dieses eine Wort, bei dem für die bekannte Malerin, Zeichnerin und Aktionskünstlerin sofort alle üblichen Regeln außer Kraft gesetzt werden: „Mechernich!“
„Wenn ich ‚Mechernich‘ höre, kriege ich sofort Pipi in die Augen“, sagt Maf Räderscheidt. Und, zack, wird – irgendwo zwischen Blümchentellern, Galerie-Prospekten und Hundeschnarchen – aus der typisch lockeren Räderscheidt’schen Art ein winziger, verdammt stiller Moment. Plötzlich hockt Dankbarkeit mit am runden Holztisch, pappt wie Honig in den warmen Farben auf den Leinwänden ringsum und wabert wolkig hoch bis in den hinterletzten Winkel des gemütlichen Eifel-Ateliers. „Ach, Mechernich!“, seufzt Maf Räderscheidt noch einmal. „Ja …“ Und dann beginnt sie zu erzählen.
Dass sie bis heute jeden Morgen zu Farbe und Pinsel greifen kann, das verdankt Maf Räderscheidt nach eigener Aussage „allein den Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften des Mechernicher Krankenhauses.“ – „Wahre Engel, wirklich!“ Auf der Intensivstation am Bleiberg kämpfte die Künstlerin aus Schleiden nach einer lebensgefährlichen Sepsis drei Wochen lang um ihr Leben. Mehrmals hatte sie es bereits verloren, doch die Mechernicher Ärzte holten sie zurück. „In Mechernich bin ich wiedergeboren worden“, sagt sie heute.
Kein Wunder, dass Mechernichs Kuratorin Ela Rübenach keinerlei Überzeugungsarbeit leisten musste, als sie Maf Räderscheidt für einen ganz besonderen Termin gewinnen wollte: die 50. Ausstellung der Mechernicher Galerie im Rathaus. Dabei hätte Rübenach eher mit einer Absage gerechnet. Ob eine Künstlerin, die schon bei der Art Basel, der Art Cologne und in dutzenden namhaften Galerien Europas ausgestellt hat, ihre Werke bei der Jubiläumsgalerie eines eher kleinen Rathauses präsentieren würde? – „Ehrlich gesagt, hatte ich das kaum zu hoffen gewagt!“
Von Kruse, Schick und Baans ins Leben gerufen
Tja, so kann man sich täuschen. Die Kuratorin lacht: „Ich konnte ja nicht ahnen, dass Mechernich das Zauberwort war.“ Die Bilder dafür sind längst ausgewählt und verpackt, Katalog und Flyer so gut wie fertig. Am Freitag, 16. Oktober, um 19 Uhr wird die Jubiläumsausstellung der Galerie im Rathaus eröffnet. Ihr Titel: „A painting a day keeps the doctor away“. Mehr als ein englisches Wortspiel: Die Ausstellung ist ausdrücklich jenen Menschen im Mechernicher Krankenhaus gewidmet, die Maf Räderscheidt nach ihrer schweren Erkrankung zurück ins Leben holten. Zehn Prozent von jedem verkauften Werk soll deshalb auch der Förderverein des KKHM erhalten.
Die Galerie im Rathaus wurde auf Initiative des Mechernicher Künstlers Franz Kruse gemeinsam mit Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick und dem damaligen Ersten Beigeordneten Christian Baans im Jahr 2011 ins Leben gerufen. Kruse prägte die Galerie anschließend bis Ende 2025 als Kurator und holte in dieser Zeit zahlreiche Künstlerinnen und Künstler nach Mechernich. Seit Anfang 2026 führt die Künstlerin Ela Rübenach die Reihe als Kuratorin fort. Zu den profiliertesten Künstler, die in der Galerie ausgestellt wurden, zählen der Düsseldorfer Akademie-Meisterschüler Ante Milas, der international ausstellende Fotokünstler Wolf Tekook und Galeriegründer Franz Kruse selbst.
Ein Bild. Jeden Tag.
Seit 2008 malt Maf Räderscheidt täglich ein Bild – außer sonntags. Nur die Flutkatastrophe und ihre schwere Sepsis zwangen sie zu Pausen. Danach ging es jeweils sofort weiter, nach der Erkrankung sogar zu einer Zeit, als sie nur im Liegen malen konnte. Jeden Morgen beginne ihr Tag gegen sechs Uhr, beschreibt sie das, was dann in ihrem Atelier passiert, und bis spätestens zum Abend sei ein neues Bild entstanden. Mal greift sie ein aktuelles Thema oder ein gesellschaftliches Problem auf, mal geht es um Tierschutz, das Finanzamt oder etwas ganz anderes. Veröffentlicht wird jedes neue Werk in den sozialen Medien. Tausende Bilder sind auf diese Weise in den vergangenen 18 Jahren entstanden; fast alle Arbeiten dieser täglichen Serie, die vor 2021 entstanden waren, wurden durch die Flut vernichtet.
Dahinter steckt auch das Bewusstsein, dass das Leben kostbar ist. „Ich habe das Gefühl, nicht mehr endlos Zeit zu haben“, sagt Räderscheidt. Früher habe sie ein Bild durchaus mal ein halbes Jahr trocknen lassen, um anschließend in aller Ruhe weiter daran zu arbeiten. „Diese Ruhe habe ich heute nicht mehr.“ Seit Anfang August ergänzt sie jedes neue Bild um einen Podcast. Darin erzählt sie die Hintergründe, entschlüsselt ihre oft rätselhaften, surrealen Bildergeschichten und deren ausgeklügelte Ikonographie – eine Art Gebrauchsanweisung für die Hörerinnen und Hörer, wie und warum sie das jeweilige Bild gemalt hat. In seiner Verbindung aus täglicher Malerei, gesprochenem Gedankenprotokoll und sozialen Medien sucht das Kunstprojekt seinesgleichen. Räderscheidt ist sicher: „Damit bin ich weltweit die Einzige.“
QR-Code scannen und lauschen
Bei der 50. Galerie im Rathaus, die von Bürgermeister Michael Fingel feierlich eröffnet wird und durch „Uli Van Staa & Friends“ musikalisch untermalt, wird dieses Gesamtkonzept erstmals in einer Ausstellung präsentiert. Damit holt Räderscheidt ihr im Internet entstandenes Projekt in den realen Raum, verbindet Analoges mit Digitalem und schlägt eine Brücke von der Tradition in die Moderne. Die Ausstellung zeigt einen Ausschnitt aus diesem gewaltigen Tagebuch in Bildern. Wer auf den Gängen ein Gemälde passiert und sich fragt, was die Künstlerin sich bei diesem Motiv wohl gedacht hat, bekommt die Antwort gleich mitgeliefert. Denn zu jedem ausgestellten Gemälde gibt es einen QR-Code, hinter dem sich der dazugehörige Podcast verbirgt, abrufbar über die gängigen Plattformen. Rund zehn Minuten dauert eine Folge. „Ungefähr eine Wartelänge“, schätzt Räderscheidt. Der Gedanke, dass Kunst im Rathaus auf Menschen trifft, die vor einer Bürotür sitzen, um vielleicht eine neue Mülltonne oder einen Personalausweis zu beantragen, gefällt ihr inzwischen richtig gut. „Ich stelle mir wartende Menschen vor, die sich fragen: Was soll das?“
Eine Frage, die bei Maf Räderscheidt ausdrücklich erlaubt ist. Denn, wenn diese Frau neben Kunst und ihren zahlreichen anderen Passionen noch etwas anderes vermag, dann ist es, spannend zu erzählen. Mit Bildern sowieso, aber eben auch mit Worten. Als Künstlerin, Aktivistin, Tierschützerin und Feministin hat sie nie viel davon gehalten, die Rollen säuberlich zu trennen. „Nö, wieso?! Bei mir gehört immer alles zusammen!“
Kunst als Kraftquelle
Das gilt auch für die Erfahrungen, die ihr Leben in den vergangenen Jahren geprägt haben. Noch vor ihrer schweren Erkrankung hatte die Flutkatastrophe 2021 ihr Atelier in Gemünd getroffen. Rund 40.000 Arbeiten ihres jahrzehntelangen künstlerischen Schaffens wurden zerstört. Was danach entstanden ist, versucht diesen Verlust nicht etwa zu ersetzen. Es ist etwas Neues.
Wer Maf Räderscheidt trifft, spürt sofort die enorme innere Kraft, die sie seit ihrer Genesung in sich spürt. Eine Kraft, von der die Künstlerin überzeugt ist, dass sie in jedem Menschen steckt. Sie selbst kanalisiert das in Kunst, Tag für Tag. Von eben dieser Power soll die 50. Jubiläumsausstellung in Mechernich etwas weitergeben. Sprich: „Gesund bleiben und den Arzt fernhalten“.
Denn ab Freitag, 16. Oktober, hängen nicht nur neue Bilder an Verwaltungsfluren. Hier begegnen die Besucherinnen und Besucher auch einem Stück Lebensgeschichte. Einer Künstlerin, die vieles verloren hat, fast auch ihr Leben – und die danach umso entschlossener weitergemacht hat. Für Mechernich macht Maf Räderscheidt also eine Ausnahme von ihrer Rathaus-Regel. Und ziemlich sicher werden nicht nur ihr die Augen feucht werden, wenn sie zur Vernissage zurück an jenen Ort kommt, dessen Name für sie heute so viel mehr bedeutet als ein Punkt auf der Landkarte.








