Engel für die Würde des Menschen







Zülpich/Mechernich/Mumbai – Manchmal steht am Zenit eines langen Künstlerlebens ein Engel. Einer aus Cortenstahl, 2,90 Meter hoch, mit zwei Gesichtern, zwei Blickrichtungen und einer ausgesparten Form in seiner Mitte, die an einen Kelch erinnert. „Celestial“ heißt das Kunstwerk, das die Zülpicher Künstlerin Marti Faber (80) den Missionsfranziskanern in Mumbai geschenkt hat.
Vor der Franziskuskirche auf dem Mount Poinsur in Borivali West, einem Stadtteil der indischen Millionenmetropole Mumbai, steht der Engel inzwischen auf seinem Sockel. Dort erinnert er an das 125-jährige Bestehen der Congregation of the Missionary Brothers of St. Francis of Assisi, kurz CMSF, die 1901 von Bruder Paulus Moritz aus Deutschland gegründet worden war. Die Plakette am Sockel nennt das Jubiläum 1901–2026, den Ort Mount Poinsur und die deutsche Künstlerin und Stifterin: „Gifted by artist Ms. Marti Faber from Germany“.
Was im Sommer 2025 noch Entwurf, Modell und Hoffnung war, als die Mechernicher Nachrichtenagentur ProfiPress erstmals darüber berichtet hatte, ist inzwischen Wirklichkeit geworden. Marti Faber ist im Oktober 2025 mit ihren Plänen nach Indien gereist, ursprünglich in der Absicht, eine mehr als drei Meter hohe Stahlskulptur mit Hilfe moderner Schneidetechnik vor Ort anfertigen zu lassen. Doch Mumbai ist nicht der Großraum Köln/Bonn, und die Metallwerkstätten in den Vierteln der Stadt arbeiten anders als europäische Betriebe mit ihren computergesteuerten Lasern.
„Sie können dort alles Mögliche reparieren und zusammenfügen“, berichtet Marti Faber, „Improvisation ist das halbe Wirtschaftsleben. Aber so, wie ich mir das für meinen Engel vorgestellt hatte, ging es nicht.“ Also wurde aus der ursprünglichen Idee eine indische Lösung: Der Engel wurde kleiner, aber nicht klein. Statt weit über drei Meter misst er nun 2,90 Meter. Er wurde in zwei Teilen von Hand gefertigt, aufgerichtet, verschweißt und auf einem eigens ausgehobenen Fundament verankert.
Am dritten Advent 2025 war es so weit. Männer in festlicher Sonntagskleidung standen um das schwere Werk, hielten, richteten, schweißten und arbeiteten an dem Fundament, als hätten sie verinnerlicht, dass dort nicht irgendein Metallobjekt montiert wurde. „Sie fühlten sich geehrt“, berichtet Marti Faber. „Man konnte sehen, wie sie sich gefreut haben.“
Ein Werk aus Rost und Licht
Cortenstahl verändert sich an der Oberfläche. Er rostet, bildet eine schützende Patina und bleibt doch dauerhaft. Genau das passt zu diesem Engel, der vom Vergehen erzählt und zugleich vom Bleiben. Die Oberfläche lebt mit Sonne, Regen, Schatten und Zeit. Marti Faber sorgte außerdem dafür, dass das Kunstwerk beleuchtet wird. Im Dunkeln wirft der Engel nun Schatten an die Wand der Kirche. Auch die Bepflanzung des Sockels gestaltete sie selbst. Wer Marti Faber kennt, weiß: Das ist kein Nebendetail.
Ihr Mann Hein war Versuchsgärtner bei Bayer Leverkusen und hielt später die Anlagen am Kloster Marienborn in Schuss und arbeitete auch mit den Patienten therapeutisch im Garten. Auch Marti Faber selbst besitzt Blick und einen grünen Daumen für Pflanzen, Räume und lebendige Übergänge.
Vor der Franziskuskirche stehen nun Stahl, Licht und Grün beieinander. Der Engel ist Denkmal, Glaubenszeichen und Brücke in einer zweigesichtigen Gestalt. Auf einer Seite erinnert er an den Ordensgründer Paulus Moritz, auf der anderen öffnet er den Blick auf seine Nachfolger bei den Franziskanern, aber auch auf Dich und mich und jeden anderen Menschen. Bruder Joseph Karimalayil CMSF, der Generalobere der Missionsfranziskaner, hatte schon vor der Aufstellung betont, dass dieser Engel Vergangenheit und Zukunft verbindet.
Für Marti Faber geht es natürlich noch um etwas Tieferes. Zwischen den beiden Gesichtern des Engels entsteht eine Form, die nicht nur sie selbst als Kelch wahrnimmt. Dieser Kelch verbindet das Werk in Mumbai mit einem anderen Werk aus ihrer früheren Schaffenszeit: Vor Jahrzehnten zeichnete und malte sie für die Communio in Christo in Mechernich einen Kelch nach einer Inspiration der Gründerin Mutter Marie Therese und Aufzeichnungen des ersten Generalsuperiors Karl-Heinz Haus.
Kelch zwischen Gott und Mensch
Die Eucharistie, die Kommunion, bedeutet für Marti Faber nicht nur sakramentale Gemeinschaft, sondern auch Kommunikation: Sie ist die Verbindung zwischen Gott und Mensch, das Mysterium, von dem Jesus sprach, als er sagte, er sei im Vater, wie der Vater in ihm sei, und wer in ihm bleibe, bleibe auch in Gott. Aus dieser Haltung erwächst Marti Fabers zentrales Thema: die Würde des Menschen.
Die Verbindung nach Indien ist für Marti Faber nicht vom Himmel gefallen. Sie hat ihre Vorgeschichte in der Eifel, in Mechernich, in Kloster Marienborn in Hoven, bei der Lebenshilfe und bei der Communio in Christo, vollständig Ordo Communionis in Christo, in Mechernich. Dort war sie bereits vor über 25 Jahren künstlerisch tätig. Dort fand sie auch eine innere spirituelle Bindung zu Menschen, die gepflegt, begleitet, getragen und manchmal bis zum Tod betreut wurden.
In den Pflegeeinrichtungen der Communio in Christo und im Hospiz Stella Maris zeichnete sie Gäste und Bewohner. Auch in Häusern der Lebenshilfe, besonders in Bürvenich, und in Marienborn begegnete sie behinderten, kranken, leidenden und sterbenden Menschen. Nicht als Beobachterin von außen, sondern als jemand, der sich dazusetzt und wahrnimmt.
Marti Faber fragt Menschen nicht aus. Sie bedrängt sie nicht. Sie sagt über ihre Arbeit: „Ich stehe keinem im Wege. Es ist nichts zwischen uns.“ Für viele der Menschen, denen sie begegnete, sah jeder Tag von außen betrachtet gleich aus. Gleiche Räume, gleiche Abläufe, gleiche Pflege, gleiche scheinbare Unveränderlichkeit. Marti Faber aber sieht die Unterschiede und kleinen Veränderungen, einen Blick, eine Spannung im Gesicht, einen Hauch von Wachheit, Menschen, die nicht auf ihr Leiden reduziert sind.
Von einem sterbenden Mann erzählt sie, dass er zunächst völlig apathisch und abständig wirkte, doch während sie wochenlang bei ihm saß und ihn zeichnete, veränderte sich etwas. Auf den Bildern wirke es fast, als seien sie in umgekehrter Reihenfolge entstanden: nicht als Weg in den Tod, sondern als Entwicklung zu mehr Gegenwart. „Er wurde wieder lebendig“, sagt sie sinngemäß, allein dadurch, dass jemand bei ihm war und sich ihm zuwendete, begannen auch andere Bewohner, die ihn im Wortsinn liegengelassen hatten, sich um den Mann zu kümmern.
Für Marti Faber war diese Begegnung viel mehr als eine künstlerische oder therapeutische Erfahrung: „Es war meine Begegnung mit Jesus.“ Sie habe später von den Brüdern im Haus der Mutter Teresa in Mumbai erfahren, dass der Mann an dem Tag gestorben war, als sie wieder im Flieger zurück nach Deutschland saß.
"Ich beschreibe Menschen"
Wer Marti Faber verstehen will, muss auf ihre Kindheit schauen. Als Tochter ungarischer Eltern kam sie nach der gescheiterten Revolution von 1956 in den Westen. Ihre Familie hatte zum zweiten Mal alles verloren: erst durch den Zweiten Weltkrieg, dann durch die Flucht aus dem Ostblock. Mit zehn Jahren konnte sie noch kein Deutsch.
Zeichnen wurde für sie ein Ausgleich, aber viel mehr als das: eine Sprache. Ein Teil ihres Kommunikationsapparates, wie man nüchtern sagen könnte. Sie selbst formuliert es schöner: „Ich beschreibe Menschen.“
Schon als Kind sei sie sehr neugierig gewesen. Diese Neugier wurde zur Offenheit. Aus der Sprachlosigkeit wuchs ein anderer Zugang zur Welt. Marti Faber lernte zu sehen. Später studierte sie Kunst, unter anderem an der Akademie in Málaga. Rembrandt und Michelangelo nennt sie als große Vorbilder, wenn es um das Sehen geht, darüber hinaus Pablo Picasso.
An der Akademie habe sie erlebt, wie alle dasselbe Modell zeichneten und dennoch jeder etwas anderes zu Papier brachte. „Ich habe Sehen gelernt“, sagt sie. Besonders gern zeichnet sie alte Menschen: „Da ist das ganze Leben drin.“
Die Journalistin Bruni Mahlberg-Gräper, die Marti Fabers Werk seit vielen Jahren begleitet und oft beschrieben hat, sagt über ihre Arbeiten, sie seien „sehr natürlich und doch abstrahiert“. Das trifft den Kern. Fabers Zeichnungen sind keine fotografischen Abbilder. Sie nehmen Menschen ernst, ohne sie festzulegen. Sie zeigen Schmerz, aber sie stellen niemanden bloß. Sie sind kein Auswuchs von Voyeurismus, ganz im Gegenteil, sie suchen Würde im Gesicht des Menschen.
Diese Linie führte Marti Faber im Lauf der Jahrzehnte in die Häuser Mutter Teresas in Indien. Dort zeichnete sie leidende und sterbende Menschen, wie sie es in der Eifel begonnen hatte. Die äußeren Umstände sind nicht leicht. Es gibt Gerüche, Enge, Armut, Krankheit. Menschen liegen dort nicht unter klinisch abgeschirmten Bedingungen. Brüder und Schwestern begleiten sie mit Hingabe.
Marti Faber fühlte sich dort frei. Die Ordensleute freuten sich, dass sie kam, sich dazusetzte, schaute, zeichnete, mit anpackte. Auch dort ging es ihr nicht um Elend, sondern um Anwesenheit. Um Würde. Um den einzelnen Menschen.
Am 15. April diesen Jahres feierte Marti Faber ihren 80. Geburtstag in Mumbai. Gefeiert ist vielleicht nicht das richtige Wort, jedenfalls nicht im üblichen Sinn. Sie verbrachte den Tag in einem Haus Mutter Teresas, bei Kranken, Sterbenden und den Menschen, die sie betreuen. Zu Ehren ihres Geburtstags bezahlte sie das Essen für rund 200 Kranke und Ordensleute.
Auf die Idee hatte sie ein Mann gebracht, der jedes Jahr an seinem Geburtstag in dieses Haus kommt und dort das Essen ausgibt. Er hatte ihr seine Visitenkarte gegeben, mit Doktortitel und allem, was dazugehört. Marti Faber übernahm die Geste auf ihre Weise. Ein Geburtstag als Gabe. Nicht als Empfang.
Der Engel und die Kinder
Doch die Reise nach Mumbai war nicht nur eine Kunst- und Glaubensreise. Marti Faber nahm ihre Enkeltöchter Anja und Julia mit. Anja war zwölf und wurde während des Aufenthalts in Mumbai 13 Jahre alt, Julia war 14. Fünf Wochen lang besuchten die beiden eine Schule der Franziskaner.
Das war gewissermaßen ein kleiner Probelauf für das, was nun größer gedacht wird: ein Schüleraustausch zwischen Indien und Deutschland. Marti Faber hatte ihre Familie schon lange mit Geschichten aus Indien neugierig gemacht. Ihre drei Kinder, zwei Töchter und ein Sohn, sowie ihre fünf Enkel kannten ihre Erzählungen. Als sie Bruder Joseph fragte, ob die Mädchen kommen dürften, sagte er zu.
Der Unterricht an der St. Francis School wird auf Englisch gehalten. Anja und Julia konnten folgen. Zugleich legen die Missionsfranziskaner Wert darauf, dass an ihren Schulen Deutsch als erste Fremdsprache gelehrt wird. Damit ist eine Brücke bereits angelegt.
Den Mädchen gefiel der Aufenthalt so gut, dass sie gerne länger geblieben wären. Das ging nicht. Aber aus dieser Erfahrung entstand eine neue Idee: Warum nicht ein offizielles Austauschprogramm entwickeln?
Gemeinsam mit Bruder Wilfred Monteiro, dem Schulleiter der St. Francis School auf dem Mount Poinsur in Mumbai/Borivali, entwickelte Marti Faber die Idee weiter. Das Programm trägt den Titel „Durch Bildung zu Weltbürgern“. Bruder Wilfred war im Frühjahr in Zülpich und stellte das Projekt gemeinsam mit Marti Faber an mehreren Schulen vor.
Inzwischen hat Marti Faber insgesamt elf Schulen angeschrieben, darunter auch das Gymnasium am Turmhof in Mechernich, das Zülpicher Frankengymnasium, das Hermann-Josef-Kolleg in Steinfeld und das St.-Angela-Gymnasium in Bad Münstereifel. Bruder Wilfred besuchte einige davon persönlich. Kontakte gibt es auch nach Stuttgart, der Partnerstadt Mumbais. Zwischen der St. Francis School und einem Stuttgarter Gymnasium besteht schon eine Partnerschaft.
Besonders großes Interesse zeigte im Rheinland Roswitha Schütt-Gerhards, die frühere Leiterin der bischöflichen Clara-Fey-Schulen in Schleiden. Auch nach ihrer Pensionierung will sie sich weiter für das Projekt einsetzen.
Geplant ist, dass im Januar kommenden Jahres zehn bis 15 Kinder aus Deutschland nach Indien reisen, dort in Familien leben und den Schulalltag kennenlernen. Im Mai sollen Kinder aus diesen indischen Familien zum Gegenbesuch nach Deutschland kommen. Der Austausch soll keine touristische Besichtigungstour sein. Es geht um Begegnung, Alltag, Schule, Sprache, Familienleben und kulturelles Verstehen.
Die St. Francis School formuliert es in ihrem Konzept so: Bildung dürfe nicht auf die vier Wände eines Klassenzimmers beschränkt bleiben. Wahre Bildung helfe Schülerinnen und Schülern, sich intellektuell, emotional, sozial und kulturell weiterzuentwickeln. Oder einfacher gesagt: Junge Menschen sollen lernen, die Welt nicht nur aus der eigenen Perspektive zu betrachten.
Kunstunterricht in Mumbai
Auch Marti Faber selbst wurde während des Aufenthalts an der Schule tätig. Sie gab Kunstunterricht. Zuerst ließ sie die Schülerinnen und Schüler Vögel zeichnen. Dann gestalteten sie gemeinsam den Klassenraum um. Schließlich sollten sie einander zeichnen. Als Hausaufgabe nahmen die Kinder den Auftrag mit, sich auch zu Hause mit Eltern und Geschwistern gegenseitig zu zeichnen.
„Mit Kunst kann man sich den Menschen nähern“, sagt Marti Faber. Das ist mehr als ein schöner Satz. Es ist die Kurzfassung ihres Lebenswerks. In Mechernich, in Bürvenich, in Marienborn, bei der Communio in Christo, in den Häusern Mutter Teresas, im Klassenzimmer der St. Francis School und vor der Franziskuskirche auf Mount Poinsur geht es immer wieder um dasselbe: den Menschen wahrzunehmen, bevor man über ihn spricht.
Einige ihrer Arbeiten aus Indien stiftete Marti Faber der Schule, andere dem Kloster. Auch in einem Haus Mutter Teresas wurden Werke von ihr aufgehängt. „Ich hinterlasse Spuren“, sagt sie. Diese Spuren führen weit zurück. Zur Communio in Christo nach Mechernich hat Marti Faber die Verbindung nie ganz aufgegeben. Noch zu Beginn dieses Jahres nahm sie an der Beerdigung von Schwester Dorothea teil, einer über 90 Jahre alten Kommunitätsangehörigen, die für die Gründungsgeschichte der Communio in Christo eine wichtige Rolle gespielt hatte.
Die geistliche Linie bleibt also bestehen: Mutter Marie Therese, Stella Maris, Communio, Kommunikation, Kelch, Mensch, Würde. Und nun Mumbai, die Missionsfranziskaner, Mutter Teresa, die St. Francis School und junge Menschen, die einander über Kontinente hinweg kennenlernen sollen. So betrachtet ist der Engel „Celestial“ nicht nur ein Jubiläumsdenkmal. Er ist ein Zeichen für das, was Marti Faber seit Jahrzehnten tut. Sie sieht und zeichnet den Menschen, und Gott schenkt ihm durch sie seine Aufmerksamkeit.
Der Engel auf Mount Poinsur blickt zurück auf 125 Jahre franziskanisches Wirken. Aber er blickt auch nach vorn: auf Kinder, die Weltbürger werden sollen, ohne die Würde des einzelnen Menschen aus dem Blick zu verlieren. Vielleicht ist genau das die Botschaft von Marti Fabers Engel mit zwei Gesichtern: Wer den Menschen wirklich ansieht, sieht nie nur einen Menschen, sondern spürt Verbundenheit.
pp/Agentur ProfiPress












