Ein Mann des Wirtschaftswunders
Der 1876 in Mechernich geborene Nationalökonom Adolf Weber als „Geheimrat“: Die Radierung von Oskar Graf aus dem Jahr 1936 zeigt den Professor mit verschränkten Armen und wachem, prüfendem Blick. Repro: Jahrbuch Kreis Schleiden/pp/Quelle: Antiquariat Christine Schmid
In seiner Geburtsstadt Mechernich wurde diese Straße in der Nähe es Kreiskrankenhaues nach dem Nationalökonomen Adolf Weber benannt. Foto: Manfred Lang/pp/Agenur ProfiPress
Adolf Weber gehörte zu den prägenden deutschen Volkswirtschaftlern des 20. Jahrhunderts. Der gebürtige Mechernicher wurde in München akademischer Lehrer ganzer Generationen von Nationalökonomen. Foto/Repro: ifo Institut/pp/Agentur ProfiPress
Das Städtische Adolf-Weber-Gymnasium in München kurz nach seiner Fertigstellung 1964: Bereits 1963, im Todesjahr des Mechernicher Nationalökonomen, erhielt die wirtschaftswissenschaftliche Schule seinen Namen. Foto/Repro: Städtisches Adolf-Weber-Gymnasium München
Schon früh beschäftigte sich Adolf Weber mit den sozialen Folgen der modernen Industriegesellschaft: Titelblatt seiner Schrift „Die Großstadt und ihre sozialen Probleme“, erschienen im Verlag Quelle & Meyer in Leipzig. Repro: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Die Grabstätte Adolf Webers auf dem Münchner Waldfriedhof: Dort fand der am 29. Dezember 1876 in Mechernich geborene Nationalökonom nach seinem Tod am 5. Januar 1963 seine letzte Ruhe. Foto: Harvey Kneeslapper/Wikipedia/Commons
Der Fuhrunternehmer Valentin Weber zeigte am 30. Dezember 1876 beim Standesamt in Mechernich-Roggendorf die Geburt seines Sohnes und des Sohnes seiner Frau Elisabeth, geborene Heinrichs, an, der zwei Tage zuvor nachmittags um drei Uhr in der eigenen Wohnung entbunden worden war und auf den Namen Peter Adolph hören sollte. Repro: Stephan Meyer/Stadtarchiv/pp/Agentur ProfiPress
Mechernich - Manche Menschen hinterlassen Spuren in ihrer Heimat. Andere prägen ein ganzes Land. Adolf Weber, geboren am 29. Dezember 1876 in Mechernich, gehört zur zweiten Kategorie. Sein Name ist heute selbst in seiner Geburtsstadt nicht sehr geläufig. Doch unter Wirtschaftshistorikern gilt der Sohn der Bleibergmetropole als einer der einflussreichsten deutschen Nationalökonomen des 20. Jahrhunderts: Hochschullehrer, Publizist, Institutsgründer, Vordenker – und einer der Männer, deren Denken später in die Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft einfloss.
Erich Preiser schreibt in einem Nachruf der Bayerischen Akademie der Wissenschaften: „Mit Adolf Weber ist der letzte einer Reihe von Nationalökonomen dahingegangen, die dem Ende des vorigen und dem ersten Drittel unseres Jahrhunderts das Gepräge gegeben haben.“ Ein Kapitel in der wechselvollen Geschichte der deutschen Nationalökonomie schließe mit Weber ab.
Dass dieser Weg ausgerechnet in Mechernich begann, ist mehr als eine biografische Randnotiz. Als Weber zur Welt kam, stand der Bleiberg auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung. Der Bergbau hatte die Region tiefgreifend verändert. „Op Spandau“ arbeiteten im Jahre 1882 4500 Knappen, die Einwohnerzahl Mechernichs war binnen von nur hundert Jahren von knapp 400 auf über 4000 geklettert.
Die Erfindung der Dampfmaschine und ihre Verbesserung durch James Watt 1769 hatte von England aus einen tiefgreifenden Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft in Gang gesetzt, die industrielle Revolution. Aus Dörfern wurden Fabrikstandorte, Menschen strömten zu, die Bevölkerung wuchs auch am Bleiberg in einem Tempo, wie man es sonst eher aus dem Ruhrgebiet und dem Tal der Wupper kannte. Zwischen Erzhalden, Förderanlagen, engen Straßen, bescheidenen Häusern und einer Gesellschaft im Umbruch wuchs „Peter Adolph Weber“ ausweislich der Geburtsurkunde vom 30. Dezember 1876 als Sohn des Landwirts und Fuhrunternehmers Valentin Weber und seiner Frau Elisabeth, geborene Heinrichs auf.
Welt der Gegensätze
Es war eine Welt der Gegensätze. Auf der einen Seite standen technischer Fortschritt, unternehmerischer Mut und wirtschaftlicher Aufbruch. Auf der anderen Seite prägten harte Arbeit, soziale Unsicherheit, Krankheit, Arbeitsunfälle und die Abhängigkeit vom Bergwerk den Alltag vieler Familien. Vieles von dem, was Adolf Weber später wissenschaftlich beschäftigte, lag in dieser frühen Erfahrungswelt bereits angelegt: das Verhältnis von Kapital und Arbeit, die Frage nach Freiheit und Ordnung, nach sozialer Verantwortung und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit.
Der junge Mechernicher erwies sich früh als außergewöhnlich begabt. Sein Bildungsweg führte ihn aus der Eifel hinaus, zunächst nach Bonn aufs Gymnasium, später an die Universitäten in Bonn, Berlin und Leipzig. Er studierte Rechts- und Staatswissenschaften, promovierte zum Juristen und später auch zum Philosophen.
Nach Studien der Nationalökonomie bei Max Sering (bis 1889) und Eberhard Gothein bis 1904 in Bonn habilitierte er sich 1903 als Privatdozent in Bonn und unterrichtete an der Universität und an der landwirtschaftlichen Hochschule Bonn-Poppelsdorf (ab 1904).
1908 wurde Weber auf eine Professur an der Handelshochschule Köln berufen, 1912 wurde ihm zusätzlich die Leitung der neu gegründeten Hochschule für kommunale und soziale Verwaltung in Köln übertragen. Von 1914 bis 1919 lehrte er als ordentlicher Professor an der Universität Breslau – dort gründete er das Osteuropa-Institut.
Ab 1919 forschte und lehrte der gebürtige Mechernicher Landwirtssohn an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main, bis er 1921 auf den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre der Universität München wechselte, den er bis zu seiner Emeritierung mit 72 Jahren im Jahr 1948 innehatte. Auch nach seiner Emeritierung hielt er weiter Vorlesungen. An der Ludwig-Maximilians-Universität München wurde Adolf Weber zu einer prägenden Gestalt der deutschen Volkswirtschaftslehre.
Patriarch der Wirtschaftswissenschaft
Später nannte man ihn den „Patriarchen der deutschen Wirtschaftswissenschaft“. Das klingt gewaltig, beschreibt die Wirkung dieses Mannes aber treffend. Weber gehörte zu jenen Professoren, die nicht nur Bücher schrieben, sondern Generationen von Studierenden prägten. Er war ein akademischer Lehrer von Rang, einer, der seine Aufgabe zugleich wissenschaftlich und pädagogisch verstand. Er wollte nicht fertige Meinungen eintrichtern, sondern zur Kritik erziehen – und zur Redlichkeit. Ehrlichkeit im Denken war für ihn keine Nebensache, sondern Voraussetzung jeder Wissenschaft.
Seine Themen waren die großen Konflikte seiner Zeit. Weber schrieb über den Kampf zwischen Kapital und Arbeit, über Geld und Banken, über Sozialpolitik, Produktivität, Kapitalbildung, Weltwirtschaft und die Zukunft des Kapitalismus. Er war ein Vertreter der neoklassischen Volkswirtschaftslehre, aber kein weltfremder Theoretiker. Ihn interessierte, wie wirtschaftliche Ordnung im wirklichen Leben funktioniert – und wie sie dem Menschen dienen kann, ohne ihn dem Staat oder anonymen Apparaten auszuliefern.
Besonders misstrauisch war Weber gegenüber jeder Form übermäßiger staatlicher Bevormundung. Schon früh beklagte er den wachsenden Glauben an die Allmacht öffentlicher Gewalt, an Gesetzesschablonen und Steuerschrauben. Was heute wie ein aktueller Kommentar zur Bürokratie klingt, formulierte er bereits vor mehr als hundert Jahren. Später warnte er vor einer „Verapparatisierung“ der Gesellschaft – vor einer Welt, in der Verwaltung, Regelwerk und Organisation den freien Menschen zu überwuchern drohen.
Gegner der Plan- und Befehlswirtschaft
Das machte ihn zu einem entschiedenen Kritiker der sowjetischen Planwirtschaft. Aber auch die nationalsozialistische Befehlswirtschaft lehnte er wirtschaftspolitisch ab. Seine Grundidee blieb die Freiheit der Wirtschaft – allerdings nicht als Freibrief für Rücksichtslosigkeit, sondern eingebunden in Verantwortung, Ordnung und soziale Vernunft. Genau darin liegt die Brücke zur späteren Sozialen Marktwirtschaft.
Er sei ein „Gegner des Protektionismus und erst recht aller Autarkiebestrebungen“ gewesen, schreibt der Ökonom Erich Preiser im oben angeführten Nachruf der Akademie der Wissenschaften: „Adolf Wber ist für Jahrzehnte das Gewissen unserer Wirtschaftspolitik gewesen, als Mahner und als Warner.“ Er habe durch seine Lehrbücher und seine Begabung als Lehrer „Generationen von Nationalökonomen ein sicheres Fundament gegeben.“
Nach dem Zusammenbruch des Zweiten Weltkriegs gehörte Weber zu jenen Denkern, die nicht erst lange suchen mussten. Er hatte ein wirtschaftspolitisches Programm vorbereitet, das auf freie Erwerbswirtschaft, Geldordnung, Leistungsfähigkeit und institutionelle Stabilität setzte.
Seine Überlegungen wirkten auf Männer wie Alfred Müller-Armack, Fritz Schäffer und den späteren Bundeswirtschaftsminister und Bundeskanzler Ludwig Erhard. Zu seinen Schülern gehörte auch der Wirtschaftsjournalist Gerhard Czerwensky. Damit reicht Webers Einfluss weit hinein in jene Ordnung, die später als Grundlage des westdeutschen Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders gelten sollte.
Auch das Münchner ifo Institut steht in dieser Traditionslinie. Gemeinsam mit Ludwig Erhard legte Adolf Weber in den 1940er Jahren Grundlagen für eine angewandte, politisch orientierte Wirtschaftsforschung in München. 1948/49 gehörte er zu den Wegbereitern der Informations- und Forschungsstelle für Wirtschaftsbeobachtung, aus der das ifo Institut hervorging. Aus dem Mechernicher Bauernsohn war ein Mann geworden, dessen Denken an zentralen Stellen der jungen Bundesrepublik nachwirkte.
Seine Laufbahn war reich an Ehrungen. Weber war Mitglied wissenschaftlicher Akademien, erhielt das Große Bundesverdienstkreuz und den Bayerischen Verdienstorden. In München trägt bis heute ein städtisches wirtschaftswissenschaftliches Gymnasium seinen Namen. Dass diese Schule ausgerechnet im Jahr seines Todes 1963 nach Adolf Weber benannt wurde, ist mehr als eine späte Geste. Es zeigt, wie stark man dort seinen Anspruch an Wissenschaft, Kritik und Bildung empfand.
Arbeit und Wohlstand
Doch ein Porträt Webers wäre unvollständig, würde es nur seine Größe zeigen. Wie bei vielen Persönlichkeiten seiner Generation gibt es auch in seiner Biografie Schatten. Historiker weisen auf seine Mitgliedschaft als förderndes Mitglied der SS hin. Diese Tatsache gehört zu einer ehrlichen historischen Betrachtung. Große Leistungen löschen Verstrickungen nicht aus. Gerade jemand, der Ehrlichkeit im Denken zur Pflicht erhob, muss auch selbst an ihr gemessen werden.
Und doch bleibt die Lebensleistung bemerkenswert. Sein Ort war der Hörsaal, sein Werkzeug das Argument, sein Material die Ordnung der Wirtschaft. Adolf Weber wuchs in einer Region auf, in der man den Umbruch der Moderne mit Händen greifen konnte. Vielleicht schärfte gerade das seinen Blick für die Frage, wie Fortschritt, Arbeit, Wohlstand und soziale Verantwortung miteinander verbunden werden können.
Als Adolf Weber am 5. Januar 1963 in München starb, waren die Fördertürme des alten Mechernicher Bleibergs seit sechs Jahren außer Betrieb, das Bergwerk geschlossen. Mechernich hatte sich seit Webers Kindheit extrem verändert, das geteilte Deutschland ebenso, Europa war weltanschaulich und politisch gespalten. Doch eine seiner großen Fragen blieb: Wie lässt sich Freiheit so ordnen, dass sie nicht in Willkür umschlägt – und wie lässt sich soziale Verantwortung sichern, ohne den Menschen in Apparaten zu verlieren?
Das macht Adolf Weber bis heute erstaunlich gegenwärtig. Seine Wiege stand in Mechernich. Seine Gedanken aber halfen dabei, Deutschland zu gestalten. Immer wollte Adolf Weber, um seine Worte zu gebrauchen, dem praktischen Leben dienen. Direkt damit verbunden nennt Erich Preiser als Webers leitenden Gesichtspunkt die „nachhaltige Verbesserung des Verhältnisses der Menschen zur Güterwelt“ – also die Erhöhung der Produktivität, aber ausdrücklich nicht bloß technischen Fortschritt.












