Das Gemeinsame stärken
Beim Priestertreffen „EUROPAX“ in Schengen kamen Geistliche aus drei Ländern zusammen. Mit dabei waren der frühere EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker (Mitte), der Luxemburger Weihbischof Leo Wagener (daneben) und der Mechernicher Pfarrer Erik Pühringer (2.v.r.). Foto: Privat/pp/Agentur ProfiPress
Mechernich/Schengen – Europa ist vielleicht nicht der größte Kontinent der Welt. Aber einer, der viel erreicht hat und noch längst nicht am Ende seiner Möglichkeiten angekommen ist. Diese Botschaft nahm der Mechernicher Pfarrer Erik Pühringer vom Priestertreffen EUROPAX mit, an dem er für das Bistum Aachen teilnahm. Zu den Höhepunkten gehörte eine Begegnung mit dem früheren EU-Kommissionspräsidenten und langjährigen luxemburgischen Premierminister Jean-Claude Juncker.
Eine Stunde lang habe Juncker frei über Europa, dessen Geschichte, Gegenwart und Zukunft gesprochen, berichtet Pühringer. „Dabei hat der erfahrene Europapolitiker auch dafür geworben, die eigene Bedeutung realistisch einzuschätzen“, so der Mechernicher Pfarrer. Europa sei geografisch und demografisch vergleichsweise klein und könne sich deshalb nicht einfach selbst zum Mittelpunkt der Weltpolitik erklären.
Umso wichtiger sei es, sich der eigenen Stärken bewusst zu werden. Eine davon liege, so Pühringers Zusammenfassung von Junckers Ausführungen, in dem hohen Maß an Toleranz, das sich innerhalb Europas entwickelt habe. Unterschiedliche Nationen, Mentalitäten, Sprachen und Traditionen seien kein Gegenargument zur europäischen Idee, sondern gehörten zu ihrem Wesen.
„Europa muss sich nicht verstecken“
Dabei verwies Juncker auch auf das Prinzip der Subsidiarität, das zu den Grundlagen der Europäischen Union gehöre. Nicht alles müsse zentral entschieden werden. Vielmehr gehe es darum, Verantwortung jeweils dort wahrzunehmen, wo sie am sinnvollsten angesiedelt sei.
Auch die christlichen Wurzeln der europäischen Einigung spielten in Junckers Vortrag eine Rolle. Pühringer zufolge erinnerte der frühere Kommissionspräsident daran, wie stark die katholische Soziallehre – etwa mit der Sozialenzyklika „Rerum Novarum“ – das Denken jener christdemokratischen Politiker geprägt habe, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Motoren der europäischen Einigung wurden.
Gerade mit Blick auf die zahlreichen Konflikte und geopolitischen Verschiebungen der Gegenwart sei die Begegnung beeindruckend gewesen, so Pühringer. Juncker habe deutlich gemacht, „dass wir uns als Europa nicht verstecken müssen“. Der Kontinent habe viel erreicht und verfüge weiterhin über erhebliches Potenzial.
Dazu gehöre allerdings auch, die Weiterentwicklung der Europäischen Union nicht allein daran zu messen, möglichst schnell möglichst viele weitere Staaten aufzunehmen. Vielmehr müsse Europa genau hinschauen: „Was geht, was geht nicht? Was passt zu uns und was passt nicht zu uns?“, fasst Pühringer einen zentralen Gedanken zusammen.
Auch dürfe sich Europa nicht allein von Interessen anderer Weltmächte treiben lassen, sondern müsse seinen eigenen Wert und seine eigenen Interessen selbstbewusst vertreten. „Wir haben viel erreicht und können noch viel mehr weiter verwirklichen“, beschreibt Pühringer die Botschaft des früheren EU-Kommissionspräsidenten.
An den Ort europäischer Geschichte
Am Nachmittag führte das Priestertreffen nach Schengen. Im Europamuseum beschäftigten sich die Geistlichen mit jenem Ort, dessen Name längst zum Synonym für offene Grenzen innerhalb Europas geworden ist. Dort konnten sie sich noch einmal unmittelbar mit der Geschichte und Entstehung der europäischen Vereinbarungen auseinandersetzen.
Für Pühringer passte dieser Besuch zu den Gesprächen und Gedanken des gesamten Treffens. Denn Europa werde besonders dort greifbar, wo nationale Grenzen im Alltag an Bedeutung verlieren und Menschen miteinander leben, arbeiten und ihren Glauben teilen.
Den geistlichen Abschluss bildete ein Gottesdienst mit dem Luxemburger Weihbischof Leo Wagener. In seiner Predigt griff er das Gleichnis vom barmherzigen Samariter auf. Im Mittelpunkt stand dabei eine grundlegende Frage der Heiligen Schrift: „Was liest du? Was siehst du in der Schrift?“
Wagener habe verdeutlicht, dass christlicher Glaube nicht bei der Lektüre oder Auslegung stehenbleiben könne, berichtet Pühringer. Entscheidend sei das Handeln, das sich daraus ergebe. Barmherzigkeit und Liebe seien das, „was Gott von uns erwartet“.
Unterschiede als Chance
Für den Mechernicher Pfarrer lässt sich aus dem Treffen deshalb nicht nur eine politische, sondern auch eine klare kirchliche Perspektive ableiten. Gerade die Kirche müsse Toleranz stärker in den Blick nehmen und Verschiedenheit nicht vorschnell als Problem betrachten.
„Wir müssen Unterschiede und Differenzen ernst nehmen, sie aber gleichzeitig als Chance und Herausforderung sehen“, sagt Pühringer. Menschen könnten sich gegenseitig bereichern und stärken. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass sie voneinander wissen, Verständnis füreinander entwickeln und sich auf das konzentrieren, „was wir gemeinsam verwirklichen können“.
Nicht die jeweiligen Einzelinteressen dürften dabei im Vordergrund stehen, sondern das Gemeinsame. Eine Erkenntnis, die sich nach Pühringers Einschätzung gleichermaßen auf Kirche und Politik übertragen lässt.
So wurde das Priestertreffen EUROPAX für ihn zu einer Begegnung mit vielen Perspektiven auf Europa: mit seiner christlichen Prägung, seiner politischen Geschichte, seinen aktuellen Herausforderungen und vor allem mit der Frage, wie Zusammenleben über Grenzen hinweg auch künftig gelingen kann.







