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Vier Namen, ein Ort, viele Fragen

Zwischen Fortschritt und Zumutung: Warum die Gebrüder Kreuser Mechernich bis heute prägen – Teil drei und vier der Serie aus Peter Lorenz Könens „Informationsblättern zur Eifeler Bergbaugeschichte“

Mechernich - Mechernich wäre ohne die Gebrüder Wilhelm, Carl, Hilarius und Werner Kreuser ein anderer Ort geworden – vermutlich kleiner, ärmer, langsamer gewachsen. Doch mit dem industriellen Aufstieg, den sie im 19. Jahrhundert maßgeblich vorantrieben, kamen nicht nur Wohlstand und Infrastruktur, sondern auch soziale Härten, gesundheitliche Risiken und Abhängigkeiten, die das Leben ganzer Generationen prägten. Das Erbe der Kreusers ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern eingeschrieben in Straßenverläufe, Gebäude, Bevölkerungszahlen – und in das kollektive Gedächtnis Mechernichs.

Die vier aus Glehn stammenden Brüder waren Unternehmer ihrer Zeit: risikobereit, strategisch denkend, machtbewusst. Sie waren zugleich Teil eines Systems, das wirtschaftlichen Fortschritt über den Schutz von Mensch und Umwelt stellte. Als die Kreuser-Brüder in den frühen 1850er Jahren das Mechernicher Bleibergwerk übernahmen, waren sie keine Unbekannten im Gewerbe. Ihr Großvater Johannes Theodor Kreuser war Bleihändler, ihr Vater Johann Joseph Kreuser Landwirt und zugleich an einer Schmelzhütte beteiligt.

„Komplette Neulinge im Bleigeschäft waren die Brüder also nicht“, schreibt der Mechernicher Regionalhistoriker Peter Lorenz Könen. Dennoch bleibe eine Frage zentral: Woher stammte das Kapital für den Kauf des gesamten Bergwerkskomplexes? Die berühmten 600.000 Taler, mit denen die Kreusers dem Grafen Julius zu Lippe-Bisterfeld die Gruben und Erzbetriebe abkauften, seien „nach heutigem Maßstab mehrere Millionen Euro gewesen – und dennoch eher ein Dumpingpreis“, so der Regionalhistoriker. Könen weist darauf hin, dass es neben den vier Brüdern weitere Geldgeber gegeben haben müsse, etwa den Gerbereibesitzer Mathias Krings aus Wesseling, „über den bis heute kaum gesprochen wird“.

Graf Julius zu Lippe-Bisterfeld hatte schon 1845 einen Käufer für sein Bergwerk gesucht. Der erwähnte Gerbereibesitzer Math. Krings aus Wesseling war der erste, der das gesamte Bergwerk kaufen wollte, aber ein Jahr später platzte sein finanzieller Hintergrund. Er tat sich dann mit den Gebrüdern Kreuser zusammen und war Teilhaber bis zur Gründung des Mechernicher Bergwerks-Actien-Vereins. Er wurde von Kreusers ausbezahlt, die ihrerseits bei der Bank Oppenheim viel Geld aufgenommen haben.

Ein Dorf wächst explosionsartig

Mit der Gründung des Mechernicher Bergwerks-Actien-Vereins (MBAV) begann eine Phase tiefgreifender Veränderungen. Die Ausweitung des Tagebaus, vor allem im Bachrevier, zog Arbeitskräfte aus weiten Teilen der Region an. „Das Wachstum Mechernichs ist ohne den Bergbau nicht zu erklären“, hält Könen fest. Die Zahlen sprechen für sich: von 647 Einwohnern im Jahr 1850 auf 1976 im Jahr 1864, schließlich 4042 im Jahr 1885. Könen vergleicht diese Entwicklung mit einer Goldgräberstadt: „Innerhalb weniger Jahrzehnte entstand zwischen Bergwerk und Alter Kirche etwas, wofür andere Orte Jahrhunderte brauchten.“

Dieses Wachstum verlangte nach Wohnraum und Struktur. Ab 1860 ließ der MBAV erste Arbeiterhäuser errichten, neue Straßenzüge entstanden. Man betrieb am Bleiberg erstmals eine planmäßige Ortsentwicklung. Gleichzeitig blieben alte, gewachsene Wegbezeichnungen bestehen – ein sichtbares Zeichen dafür, wie sich alte Dorfstrukturen und neue Industrieordnung überlagerten.

1882 folgte der Bau der Schlaf- und Speiseanstalt an der heutigen Friedrich-Wilhelm-Straße, in der später die Casinos der Bundeswehr und heute Flüchtlinge untergebracht sind. Ihr Zweck war ursprünglich eindeutig: „Neue, von weit herkommende Arbeiter sollten sich in der neuen temporären Heimat Mechernich wohlfühlen – und womöglich bleiben“, schreibt Peter Lorenz Könen. Es sei eine funktionale Einrichtung gewesen, weniger aus sozialer Fürsorge, sondern vielmehr aus dem Wunsch und Bedarf nach stabiler Belegschaft.

Kirche, Schule, Gemeinde im Sog

Besonders deutlich wird der Einfluss der Kreusers auf das öffentliche Leben in den Verträgen zwischen Gewerkschaft und Gemeinde. Bereits 1858 verpflichtete sich die Gesellschaft, Kosten für Kirchen- und Schulbau sowie für die Armenpflege zu übernehmen, sofern diese durch den Zuzug der Arbeiter stiegen. In den Statuten des MBAV wurde dies später festgeschrieben. Könen zitiert aus dem Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Aachen: Die Gesellschaft habe „für den durch die Arbeiter selbst nicht gedeckten erhöhten Kostenbetrag aufzukommen“.

Zwischen 1876 und 1891 entstanden so Gemeindehaus, mehrere Schulen und Erweiterungsbauten. „Diese Bauwerke zeigen, dass Industrialisierung nicht nur Arbeitsplätze schuf, sondern tief in das Gemeinwesen eingriff“, so Könen.

Während Arbeiterhäuser funktional und dicht gedrängt waren, entstand nahe dem Turmhof die Kreuservilla – Wohnsitz der Generaldirektoren des MBAV. Sie markierte Distanz und Hierarchie. Könen beschreibt sie als „sichtbares Zeichen wirtschaftlicher und sozialer Macht“. Dass die Villa 1972 abgerissen wurde, um Zugang zum Gymnasium und später einen Schulbusbahnhof zu schaffen, den heutigen „Nyonsplatz“, wertet er als Verlust eines wichtigen baulichen Zeitzeugnisses.

Dem Fortschritt stand eine Arbeitswelt gegenüber, die extreme Opfer forderte. Könen verweist auf Berichte über Tagebau und Untertagearbeit, die „den Bedingungen der Strafanstalt »Spandau« bei Berlin nahegekommen sein müssen“. Der im Volksmund gebräuchliche Name des Bergwerks – „Op (Auf) Spandau“ – sei nicht zufällig entstanden.

Besonders eindrücklich ist für den Sohn des ebenfalls bereits als Heimatforscher tätigen Anton Könen das bekannte Gemälde des Tagebaus Virginia: Arbeiter, die Erz Stufe um Stufe nach oben schaufeln, während ein Mann den Takt vorgibt. „Das wirkt wie auf einer römischen Sklavengaleere“, zitiert er zeitgenössische Beobachter. Zwischen 1853 und 1866 seien mindestens 86 tödliche Unglücke belegt – eine Zahl, die das Risiko des Alltags verdeutlicht.

Konsum, Lohn und Abhängigkeit

Ein ambivalentes Kapitel ist das Konsum-System. Bergleute konnten Waren in den bergwerkseigenen Läden erwerben, die Kosten wurden direkt vom Lohn abgezogen. „Ein früher Vorläufer des bargeldlosen Zahlungsverkehrs“, schreibt Pelo Könen, „der vielen die Übersicht über ihre finanziellen Verhältnisse nahm.“ Besonders Werner Kreuser, der jüngste Bruder und erste Generaldirektor, gilt als treibende Kraft dieses Systems. „Mancher hielt ihn für zu gerissen“, notiert Könen – auch innerhalb der eigenen Familie.

Heute ist die Erinnerung an die Kreusers in Mechernich eher bruchstückhaft. Die Familiengruft auf dem Friedhof an der Alten Kirche, Grabstätten auch in Bonn und im Rheingau, keine Straßennamen, die auf die Gebrüder hinweisen, – mehr sei kaum geblieben. Könen spricht von einem erstaunlichen Befund: „Eigenartig ist, dass es kaum Hinweise auf die Urväter des modernen Mechernich gibt.“ Nur eine Straße ist nach Bergrat a.D. Emil Kreuser aus der zweiten Generation benannt.

Der Regionalhistoriker fällt kein eindeutiges Urteil, sondern ein differenziertes. Die Kreusers hätten „epochal viel geleistet“, aber ihr Wirken stehe zugleich für eine Zeit, „in der menschliche Kosten billigend in Kauf genommen wurden“. Vier Namen, ein Ort, viele Fragen – ihr Erbe zwinge Mechernich, das Zeitalter seiner Industrialisierung nicht nur als Fortschritt, sondern auch als Zumutung zu begreifen.

Historiker Peter-Lorenz Könen zieht daraus ein nüchternes Fazit: Ohne die Gebrüder Kreuser wäre Mechernich kaum über den Status eines unbedeutenden Dorfes hinausgewachsen. Doch die heutige Stadt tue sich noch immer schwer, ihre Urväter angemessen zu verorten – jenseits von Heldenverehrung oder pauschaler Verurteilung. Die Geschichte der Kreuser-Brüder sei mit den Teilen drei und vier in einer Serie seiner „Bergbaukundlichen Informationsblätter“ nicht abgeschlossen, sondern Teil einer bis heute offenen Debatte um Erinnerung, Verantwortung und historische Einordnung.

pp/Agentur ProfiPress

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