20 Seepferdchen fliegen nach Namibia
Am Beckenrand wären die Kinder erstmal skeptisch gewesen, sagt Simone Schridde, dann hätten sie sich aber doch reingetraut. Foto: Simone Schridde/pp/Agentur ProfiPress
Gute Stimmung bei Kids und ihren Lehrern: Sina Schridde (mit Baby im Arm) weiß, wie man Anfängern die Angst nimmt. Foto: Simone Schridde/pp/Agentur ProfiPress
Die Kinder stammen aus dem Swakopmunder Township. Hier gibt es keine Häuser, nur einfache Hütten ohne Strom und fließendes Wasser. Foto: Simone Schridde/pp/Agentur ProfiPress
Mechernich-Firmenich-Swakopmund/Namibia – Seepferdchen-Prüfungen sind für Simone Schridde nichts Besonderes. – Eigentlich. Seit Jahren steht die engagierte Schwimmlehrerin Woche für Woche am Beckenrand der Eifel-Therme Zikkurat und sieht ihren Schützlingen dabei zu, wie sie ins Wasser hopsen, wildentschlossen, die 25-Meter-Bahn zu rocken.
Im leichten Zickzack-Kurs, die Nasenlöcher minimal über der Wasserfläche, geht es dem gegenüberliegenden Beckenrand entgegen. (Und der ist echt verflixt weit weg!) Simone Schridde ermutigt, tröstet, feuert an und fragt Baderegeln ab. Sie jubelt, wenn der bunte Ring, den sie zuvor ins brusttiefe Wasser geschmissen hat, stolz prustend in die Höhe gereckt wird. Und teilt schließlich, wenn alle vier Punkte abgehakt sind, das heiß ersehnte Abzeichen aus: „Seepferdchen! – Yes!“
Eine Rundreise und eine spontane Idee
Wie viele orange-weiße Stoff-Aufnäher sie wohl schon in schrumpelige Kinderhände gelegt hat? Simone Schridde lacht: „Auweia, keine Ahnung. Unzählige!“ Wenn es gut läuft, kommen dieses Wochenende auf einen Schlag zwanzig weitere hinzu. Allerdings werden die frischgebackenen Seepferdchen-Absolventen die ersehnten Abzeichen diesmal nicht in der Eifel-Therme Zikkurat entgegennehmen. Sondern in einem Swimmingpool auf dem afrikanischen Kontinent. Das Becken gehört zu einem Fitnessclub in Swakopmund. In dieser Stadt im Westen Namibias befindet sich nämlich seit Kurzem eine Art spendenfinanzierte „Außenstelle“ der Schwimmschule Wellenbrecher, die . Geplant war das nicht. Eher ein glücklicher Zufall ...
Was fragt sich eine passionierte Schwimmlehrerin im Urlaub? Klar: „Wo sind hier die Schwimmbäder?“ Öffentliche Hallenbäder wie die Eifel-Therme Zikkurat gibt es in Swakopmund nicht. Wohl aber den Fluss Swakop, der hier in den südatlantischen Ozean mündet. Ein reißender Strom und eine wilde Meeresküste: „Wer in Swakopmund lebt, sollte auf jeden Fall schwimmen können“, dachte sich Simone Schridde, als sie vor einem Jahr dort ihre vierwöchige Namibia-Rundreise beendete. Wie sich herausstellte, war genau das Gegenteil der Fall: In Swakopmund kann (fast) niemand schwimmen, erst recht keine Menschen, die in den ärmlichen Townships leben, wo es weder Strom, noch fließendes Wasser gibt.
Zufallsfund: Ein Kölner und seine Schule
Simone Schridde beschloss, zu helfen. Namibia und seine Bewohner hatten sie während ihrer Reise tief beeindruckt. So tief, dass die sie sich vornahm, ab sofort ein Hilfsprojekt vor Ort zu unterstützen. Bloß: welches? Bei Recherchen im Internet (noch im Camper in Swakopmund) stieß die Leiterin der Schwimmschule Wellenbrecher auf das Projekt eines Kölners: Volkan Sazli, der 2014 in den Townships von Swakopmund eine Schule gegründet hatte, die „Tangeni Shilongo Schule“. Ein Treffen, einige Besichtigungstouren und ein langes Gespräche später war der Deal geritzt, Simone Schridde hatte ihr „Herzensprojekt“ gefunden: Schwimmunterricht für die Kinder der Townships.
„Dort leben 50 000 Menschen ohne fließendes Wasser. Das ist wirklich erschütternd“, erzählt Schridde. Und, was hierzulande in einer Stadt am Meer absolut undenkbar wäre: „Niemand von diesen 50 000 bekommt Schwimmen beigebracht, weder Kinder, noch Erwachsene. Sauberes Wasser kennen die Township-Bewohner nur aus dem Brunnen, beziehungsweise aus den Krügen, die die Frauen auf ihren Köpfen nachhause transportieren. Nicht auszudenken, was passieren kann, wenn die Kids am Meer- oder Flußufer spielen.“
In einer Stadt mit solch gravierenden Klassenunterschieden ein Schwimmbecken zu finden, in dem Township-Kids willkommen sind? – Gar nicht so einfach! Aber das Team von Volkan Sazli gab nicht auf, und fand tatsächlich einen geeigneten Pool: Er gehört zu einem Fitnesscenter im gehobenen Stadtviertel – ein Ort, an dem Kinder, die in Holzhütten leben, für gewöhnlich nicht anzutreffen sind. In diesem Pool ging es im Frühjahr 2025, unterstützt von Tochter Sina Schridde, die ebenfalls Schwimmlehrerin ist, los. Dank zahlreicher freundlicher Spenden, unter anderem von Mechernicher Schwimmkurs-Eltern, reiste Simone Schridde mit vier Koffern nach Namibia.
Spender stiftete Badekleidung, Taucherbrillen und „Nudeln“
Darin: Badeanzüge, Badehosen, Schwimmgürtel und sogenannte „Nudeln“ sowie Taucherbrillen für alle, gestiftet von einem Kölner Sportartikelhändler. Als die kleinen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des ersten Seepferdchenkurses vor dem Fitnesscenter aus dem Bus kletterten, seien den Kiddies fast die Augen aus dem Kopf gesprungen. Simone Schridde erinnert sich: „Schon allein die breite Eingangstreppe war für sie ein Wunder. Stufen hatten sie noch nie gesehen. Geschweige denn einen Pool mit glasklarem, blau schimmerndem Wasser. Da war vielleicht was los!“
Was den ersten Kontakt mit der Wasserfläche anging, hätten die Wasserflöhe aus Swakopmund aber nicht viel anders reagiert, als Gleichaltrige in Mechernich. „Erst waren sie echt ängstlich. Aber als sie gesehen haben, dass ihre Lehrer auch im Wasser waren und Spaß hatten, haben sie sich reingetraut.“ Das Lehrpersonal der „Tangeni Shilongo Schule“ musste jedoch selbst erstmal Schwimmen lernen. Als die Großen ihr Seepferdchen in der Tasche hatte, wurde mit den Kindern fleißig weitergeübt. Um absolute Sicherheit zu garantieren, stellte die Schwimmschule mehrere externe Rettungsschwimmer an, und bildet auch die beteiligten Lehrer permanent weiter, deren Können regelmäßig überprüft wird.
Nachdem Simone Schridde und ihre Tochter Sina wieder abgereist waren, erfolgten die wöchentlichen Checks per „Ferndiagnose“, also über Video und Zoom-Call. „Wir schauten uns am Bildschirm Videos an, berieten uns, was verbessert werden musste und gaben den Schwimmtrainern Tipps.“ Wie sehr das Herz der Schwimmlehrerin an dem Projekt hängt, hört man ihr deutlich an. „Es ist so toll zu sehen, welche Fortschritte die alle gemacht haben. Ich hoffe so sehr, dass wir das noch ganz oft erleben dürfen!“
Erste Seepferdchen-Prüfung am Samstag
Ob die „namibischen Wellenbrecher“ und ihre deutschen Kolleginnen den Kids die Ängste nehmen konnten und sie zu sicheren kleinen Schwimmerinnen und Schwimmern ausgebildet haben?
Davon möchte sich Simone Schridde natürlich live überzeugen! Heute fliegt sie zum dritten Mal nach Afrika, denn ein großer Tag steht bevor: Am Samstag, 1. November, steht für die ersten zwanzig Kinder aus den Townships Swakopmunds die Seepferdchen-Prüfung an. Dann heißt es in dem Swimmingpool des Fitnessstudios: Reinhüpfen, 25 Meter schwimmen (vermutlich in leichtem Zickzack-Kurs, die Nasenlöcher minimal über der Wasseroberfläche), Ring raufholen und prustend in die Höhe recken, Baderegeln aufsagen. Und dann, hoffentlich: Die schrumpelige kleine Hand austrecken, um voller Stolz das orange-weiße Abzeichen in Empfang zu nehmen. Eine Lebensversicherung aus Stoff, die nicht viel kostet, und doch unbezahlbar sein kann. Denn: Wer schwimmen kann, geht nicht so leicht unter. – Im Wasser, wie im Leben.
Am liebsten würde Simone Schridde noch ganz viele solcher Hilfsprojekte ins Leben rufen, zum Beispiel in Kapstadt/Südafrika, wo ihre Tochter, sich gerade aufhält. Mit den bisher erzielten 1000 Euro aus hiesigen Spenden, die unter anderem von Mechernicher Eltern über eine freiwillige Erhöhung der Kursgebühr (jeweils drei bis sieben Euro) zusammenkamen, können 50 Kinder aus Swakopmund das Schwimmen lernen. Wer die Wellenbrecher bei ihren Projekten auf dem afrikanischen Kontinent unterstützen möchte, findet auf der Homepage www.schwimmschule-wellenbrecher.de alle erforderlichen Infos dazu.









